Was wir lesen: Beitrag von Anna Lemke


„Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez

Anna H. Lemke: Ich lese momentan das Buch „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez (Übersetzung von Stephanie Singh). Das Buch ist vor nicht allzu langer Zeit auf Deutsch erschienen – ich lese auch viel auf Englisch, aber besonders bei Büchern, von denen ich ahne, dass ich sie wahrscheinlich auch gerne an Freund*innen und Verwandte verleihen werde… warte ich gerne auch auf die deutsche Version. Das Sachbuch reiht sich ein in meine Sammlung feministischer Literatur – in eine Reihe mit Margarete Stokowski, Rebecca Solnit, Chimamanda Ngozi Adichie, Roxane Gay und Margaret Atwood.


Worum geht es?

Anna H. Lemke: Criado-Perez zeigt mit Beispielen aus allen Lebenslagen, wie unsere von „Big Data“ beherrschte Welt Frauen* systematisch diskriminiert, weil sie in der Regel auf männerbezogenen Daten basiert. Der Inhalt des Buches ist aufgeteilt in sechs Teile: „Alltagsleben“, „Am Arbeitsplatz“, „Design“, „Der Arztbesuch“, „Öffentliches Leben“ und „Wenn etwas schiefgeht“.

In ihrem Prolog erklärt die Autorin, wie es sein kann, dass der Weiße, männliche, heterosexuelle Blick auf die Dinge als objektiver Standard, als Wahrheit, angesehen wird – und nicht etwa als „die Weiße, männliche, heterosexuelle Perspektive“. Damit steht sie in einer Tradition mit Simone Beauvoir, die 1949 schrieb: „Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich selbst. […] Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: Sie ist das Andere.“ Die Folgen dieser absoluten Denk- und Handlungsweise haben einen Einfluss auf das Leben von Frauen* weltweit – mal sind die Folgen schlicht nervig, mal vergrößern sie die ohnehin schon bestehende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen* und teilweise sind sie lebensbedrohlich.

Dabei vermutet oder spekuliert Criado-Perez nicht etwa, sondern sie bezieht sich auf ebenjene „Big Data“, die zwar existieren, aber nicht verwendet werden. Diese Erkenntnis hat mich wohl bisher am meisten schockiert: Die Daten sind zu einem großen Teil vorhanden, sie werden aber nicht genutzt, um die Lage zu verbessern – sie ziehen Staub an, werden als „unwichtig“ eingestuft. Criado-Perez holt sie aus dem sprichwörtlichen Keller hervor und wertet sie aus, macht also die Arbeit, die bisher systematisch ignoriert wurde – das macht dieses Buch so eindrucksvoll und, meiner Meinung nach, so wichtig. Die Autorin beschreibt in jedem Kapitel außerdem einige positive Beispiele aus aller Welt, wie man Diskriminierung verhindern bzw. aufheben kann, indem man frauen*bezogene Daten erhebt und nutzt.

An wen würden Sie das Buch empfehlen und warum?

Anna H. Lemke: Ich würde das Buch absolut jede*m empfehlen. Criado-Perez schreibt in klaren und deutlichen Worten, und bringt auf den Punkt, was auf den Punkt gebracht werden muss. Ihre journalistische Arbeit spricht für sich selbst und scheint ein Licht auf die Daten, die traditionell ignoriert werden.  Liebe männliche Leser; lassen Sie sich nicht von dem Wort „Frauen“ im Titel abschrecken, es geht um die Welt, in der wir alltäglich leben, um unsere Gesellschaft und darum auch ganz klar um Sie.


Und natürlich Ihre persönliche Einschätzung: Gefällt Ihnen Ihre Wahl, und warum?

Anna H. Lemke: Mir gefällt das Buch ausgesprochen gut – ich weiß jetzt schon, dass es eines meiner Lieblingsbücher werden wird. Und um wirklich 100 Prozent ehrlich zu sein: Das Buch macht mich mit jedem Kapitel wütender, trauriger und engagierter. Und insgesamt glücklicher – weil Ungleichheit und Diskriminierung sichtbar gemacht, angeprangert und verurteilt wird. „Unsichtbare Frauen“ bestärkt mich als feministische Aktivistin – „Big Data“ macht die Welt nicht automatisch fairer, und wir müssen aktiv daran arbeiten, dass sich das ändert.

https://www.carolinecriadoperez.com/

ISBN: 978-3-442-71887-0 Unterstützt lokale Buchhändler*innen!

Menü