Was wir lesen – Ein Gastbeitrag von Karen Kliewe

„1793“ von Niklas Natt och Dag

Dies ist keine Buchempfehlung für Jedermann. Ein Buch, das ich lange vor mir hergeschoben habe. Und das, obwohl „1793“ hervorragend geschrieben und wahnsinnig gut recherchiert ist, den Schwedischen Krimipreis und internationalen Erfolg mehr als verdient hat.

Warum also so skeptisch? Für mich persönlich spielt die Wahl des Handlungszeitraums eine große Rolle. Stockholm im Jahr 1793. „… geht es den Menschen so schlecht wie noch nie. (…) Krankheit bestimmt das Leben der einfachen Leute. Ein beißender Geruch von Verwesung liegt in der Luft.” (Zitat Klappentext). Niklas Natt och Dag schafft es, die Dunkelheit, den täglichen Kampf ums Überleben und die Qualen der einfachen Leute auf eindrückliche Weise in unsere modernen, beheizten, sicheren Wohnzimmer zu tragen. Historisch korrekt, literarisch brillant – keine Frage. Aber natürlich aus der Sicht eines Autors des 21. Jahrhunderts. War nicht einiges von dem, was wir heute für unerträglich erachten damals normal? Das frage ich mich oft, wenn ich mich doch wieder mitnehmen lasse, in Kälte, Finsternis und ein Leben, für das Freude ein unerreichbares Gut gewesen zu sein scheint.

Zum Zweiten sind da die beiden Hauptfiguren: Jean Michael Cardell, ein traumatisierter Veteran mit einer Armprothese, und der von der Tuberkulose zerfressene Jurist Cecil Winge. Es verlangt dem/der Leser*in eine große Leidensfähigkeit ab, mit dem Wissen in die Geschichte zu gehen, dass eine der Hauptfiguren dem nahen Tod geweiht ist. Zusammen mit Cardell versucht Winge die Identität einer grausam verstümmelten Leiche herauszufinden, die Umstände der Tat zu ergründen und den Verantwortlichen zu stellen.

Und dann, endlich, erscheint er: Kristofer Blix! Die von Grauen und Ekel gebeutelte Leserseele wird mit Sonne geflutet – bevor Niklas Natt och Dag sie aller Hoffnungen beraubt.

Fazit: „1793“ ist ein großartiges Werk mit einem Cover, das das Grafiker-Herz höher schlagen lässt. Es braucht allerdings leidensfähige Leser*innen.

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