Was wir lesen – Beitrag von Mareike Menne

Ich lese gerade „Alles ist schwer, bevor es leicht wird“ von Marc Gassert. Ich stellte mir eine Lektürekiste für ein Buchprojekt zusammen, in dem es um Selbstdisziplin und Willenskraft geht. Dabei empfahl ein Suchalgorithmus dieses Buch, und ich kaufte es in einem Rutsch mit ungefähr zehn anderen Titeln zum Querlesen. Anders als andere Bücher aus diesem Stapel (die irgendwie da sind, aber nicht wirklich reizen) hat allein das Äußere dieses Buches – also das Foto des Autors auf dem Cover, das mich irritiert hat, der Titel, der Untertitel – in mir gemischte Gefühle ausgelöst. Jene wollte ich ergründen. Außerdem arbeite ich in meiner Rolle als Kulturwissenschaftlerin seit 2005 am Wissenstransfer zwischen westlichen und östlichen Erkenntnissystemen. Darum hoffte ich darauf, dass sich auch in der Ästhetik des Buches – bei aller Pragmatik – Anregungen und Impulse finden. Und das ist auch mit den kalligrafisch inspirierten Respektseite und einem ordentlichen Layout erfüllt.

Worum geht es?

Es geht um Disziplin und Willenskraft als grundlegende Elemente von Lebensführung und Lebensphilosophie. Gassert versteht sie als Tugenden auf dem Weg zu Leichtigkeit, dem Erreichen eigener Ziele und Freude. Gassert kombiniert seine praktischen Erfahrungen mit Studien und Lektüre.

Zunächst erinnert mich der Titel daran, dass ich als Vielbegabte oft andersherum lebe: Vieles ist leicht, bis es irgendwann schwer wird: weil sich Routine und Langeweile einstellen, weil die Intuition der Professionalisierung und Übung weichen muss, weil die Anforderung steigt, weil sich Kritiker einstellen, weil sich vielleicht die Rahmenbedingungen ändern. In meinem Umfeld erlebe ich aber, dass es bei den meisten aber so ist, wie Gassert sein Buch nennt: Der Anfang ist oft schwer, mit der Übung kommt die Leichtigkeit. Dieser Perspektivenwechsel tut mir gut. Auch fühle ich mich in meiner Haltung unterstützt, dass bei aller Achtsamkeit und zeitgemäßem Auf-den-Bauch-hören weiterhin das Denken und der Wille kraftvolle Werkzeuge des Menschen sind – und dass es richtig ist, sie kontinuierlich und methodisch zu pflegen. Und das natürlich auch in der Erziehung zu berücksichtigen.

Gute Lektüre setzt bekanntlich voraus, dass nicht zu viel Neues im Buch steht, damit man genau dieses Neue erkennen, isolieren und nutzen kann. Dieses Neue waren die persönlichen Erfahrungen des Autors, Rekurse auf die Begriffs- und Zeichengeschichte und kurze Sentenzen mit Motiven, die anders gedeutet wurden, als ich es kannte. Ich bin z.B. im Zeichen des Drachen geboren, was ganz oberflächlich mit Intelligenz, Freiheitsliebe, Glück/Erfolg verbunden wird und schnell abzuhaken ist. Im Alltag gibt es aber natürlich immer Situationen, in denen von Intelligenz, Freiheit und Erfolg gerade nichts zu spüren ist. Was macht der Drache in der Krise? Auf S. 216 steht der Impuls, der Drache generiere sein Qi, wenn er ruht, in vollständiger und tiefer Entspannung – er kehrt zum Ursprung seiner Kräfte zurück, um aus seinen Stärken und Leidenschaften leben zu können. Ich bin dankbar, für dieses intuitive Wissen nun eine Referenz zu haben.

Wohltuend fand ich den höflichen Ton, den Gassert immer wieder pflegt: „Ich bitte Sie um Vergebung für meine Oberflächlichkeit […]“ (S. 242), ebenso die Vielseitigkeit seines Wortschatzes. Dank auch an das Lektorat, dass diese kurzen Phrasen und ausgewählten Wörtern, die der Erzählerstimme Persönlichkeit verleihen, nicht getilgt und SEO-optimiert wurden.

Würden Sie das Buch empfehlen?

Das Buch gefällt mir; ich werde es behalten und in die Bibliothek einordnen. Das tue ich in der Regel nicht, ich gehöre zu den grausamen Buchentsorgerinnen. Ich halte es für ein gelungenes Buch für Sachbuchleser*innen. Mit einer soliden Grundbildung und Interesse an fernöstlicher praktischer Philosophie sollte der Einstieg gelingen. 



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