Was wir lesen: Gastbeitrag von Katrin Mrugalla

„Risiko“ von Steffen Kopetzky

Mehr als alle anderen Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, hat mich das Buch „Risiko“ von Steffen Kopetzky fasziniert, ein auf Tatsachen basierender Roman, der einen Aspekt des Ersten Weltkriegs herausgreift, der vielen vielleicht genauso unbekannt ist, wie er es mir war: Die Geheimexpedition des Deutschen Reichs an den Hindukusch, um den Emir von Afghanistan und die Stämme der Paschtunen zum Dschihad anzustiften und somit zum Angriff auf Britisch-Indien.

Was für ein abseitiges Thema, mag der/die potenzielle Leser*in jetzt möglicherweise denken und vielleicht schon überlegen, diese Buchempfehlung gleich wieder wegzuklicken. Doch Halt! Steffen Kopetzky ist ein Autor, der es meisterhaft beherrscht, einen in die fremde Welt der damals noch kaum bereisten Länder des Nahen Ostens und in die politischen Gegebenheiten der unter dem Einfluss diverser Großmächte stehenden islamischen Welt mitzunehmen.

Protagonist seines Romans ist der junge Marinefunker Sebastian Stichnote, der mit seinem Kriegsschiff vor derKüste Albaniens liegt. Seins und zwei weitere Schiffe sind die, die denErsten Weltkrieg noch vor seinem offiziellen Beginn durch einen Überraschungsangriff auf mehrere Hafenstädte Französisch-Nordafrikas eröffnen. Gejagt von der britischen Kriegsflotte, fliehen sie nach Konstantinopel, wo erst einmal alles zum Stillstand kommt und Offiziere und teilweise auch die Mannschaft in das fremde und gleichzeitig so faszinierende orientalische Leben eintauchen.

Während Stichnotes Schiff in Konstantinopel festliegt, findet er seine große Liebe wieder, die er in Albanien kennengelernt hatte. Doch das Glück hält nicht lange an. Stichnote schließt sich als Funkoffizier einer geheimen Mission nach Kabul an. Der dahinter steckende Plan des Orientkenners Freiherr Max von Oppenheim scheint einleuchtend: Schwächt man die Kolonialmächte, indem sie mit islamistischen Aufständen in ihren Kolonien beschäftigt sind, erhöhen sich die Chancen des Deutschen Reichs auf einen Sieg. Und so bricht eine bunte Truppen aus Menschen verschiedenster Nationalitäten und Berufe auf, um über Syrien, Bagdad, Teheran und weiter durch die persische Wüste ins damals weitgehend unbekannte Afghanistan zu gelangen.

Im Grunde kann ich dieses Buch jede*r empfehlen, der/die gern von eine*r guten Erzähler*in eine spannende Geschichte erzählt bekommt. Es mag ein paar Seiten dauern, bis man sich in der fremden Welt eines Kriegsschiffs vor der Küste Albaniens kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs eingefunden hat, doch dann lässt einen diese unglaubliche Geschichte nicht mehr los. Und sie bleibt spannend und interessant bis zum Schluss, der nach 727 Seiten dann doch viel zu schnell kommt. Wer zudem gern auch etwas lernt, wenn er/sie ein Buch zur Hand nimmt, und nicht nur gut unterhalten werden will, wird hier zusätzlich gut bedient. Nicht zu empfehlen ist dieses Buch nur den Menschen, die „keine Zeit“ haben und „bloß kein Buch mit mehr als 300 Seiten“ wollen, wie mir eine Buchhändlerfreundin oft berichtet. Dieses Buch verschlingt Zeit, wunderbar und genussvoll verbrachte Zeit, eine bereichernde „Zeit-Investition“, und das nicht nur in Zeiten von Corona und sozialer Isolation.

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