Hygienedemos kritisieren – aber richtig!“ lautet der Titel eines Postings der Bildungsstätte Anne Frank, das Anna geteilt hat. Ich muss gestehen, dass ich aufgrund der Überschrift einen anderen Inhalt erwartete und entsprechend enttäuscht war. Die „richtige Kritik“ bezog sich auf den Umgang mit Rechts, und daran ist sicher nichts verkehrt.

Warum dann Enttäuschung und die Entscheidung, dieses Posting zunächst nicht ohne ergänzendes Framing unter dem Logo meines Verlags zu veröffentlichen?

Tatsächlich habe ich auch das Bedürfnis, „Coronamaßnahmen“ zu kritisieren und Veränderungen zu erwirken. Ich wünsche

  • die Abschaffung der sog. Maskenpflicht,
  • eine partizipative, respektvolle Kommunikation zu einzelnen Maßnahmen,
  • eine von Disziplinenvielfalt geprägte Auswahl von Expert*innen und
  • eine Definition, wann die Verordnungsregierung enden wird und wir zu regulärer Gesetzgebung, Regierung und Regierungskontrolle zurückkehren werden.

Es gibt viele Menschen, die ihrerseits Kritikpunkte haben und sie zum Ausdruck bringen (wollen). Nun wäre ich froh, wenn bei Euch beim Lesen nicht der Reflex einsetzte, destruktive Phrasen zu denken wie „Präventionsparadox“ oder „Besser Maske als beatmet“ oder „Guck mal nach Italien/in die USA etc.“ oder „Andere haben es noch viel schlechter“.

Denn dieser Reflex bedient eine tieferliegende rechte Struktur, deren Freilegung ich in den geteilten Instagram-Folien gewünscht habe, und dies ist nicht erfolgt. Die rechte Vereinnahmung dominiert den Kritikdiskurs. So sehr, dass ich keine demokratische Partei fand, die meine Anliegen aufgreift (an denen nichts Undemokratisches ist, im Gegenteil) und dafür politische Lösungen entwickelt – oder in der ich eine politische Heimat finden könnte, um dies selbst zu tun. Und tatsächlich sind ja auch im fraglichen Instaposting diese Menschen und die Legitimität ihres Anliegens rasch abgetan.

Ja, wir müssen auf „rechte Demos“ mit Demos gegen Rechts reagieren. Doch ein wichtiger Teil einer „richtigen Kritik“ an „Hygienedemos“ ist, dass keine eigeständige demokratische Kritikkultur geschaffen und gepflegt wurde und damit die rechte Diskursdominanz aufgebrochen würde. Es bleibt die Leerstelle: Wie trete ich gut und ohne Angst für meine Belange ein? Wie nehme ich auf diese Weise auch „den Rechten“ die Möglichkeit, mich und meine Positionen zu vereinnahmen?

Darauf Antworten zu finden ist schwierig. Es wäre schön, Gesprächspartner*innen zu haben, mit denen im Gespräch Argumente und Ausdruck erprobt, verworfen, neu kombiniert werden könnten, ohne Stress mit sozialem Stigma – einfach präzises Denken und Sprechen.

Im inneren Dialog und im Alltag fand ich schließlich eine Reihe von Antworten und Handlungsmöglichkeiten, die ich nun teile, z.B.:

  • die Reflexion und Formulierung der eigenen Haltung, deren ethischer und politischer Grundlagen, sozialen Abhängigkeiten und das Finden einer angemessenen Kommunikation,
  • die aktive Suche nach Einflussmöglichkeiten, die sowohl meiner Haltung entsprechen als auch politisch hell sind,
  • die Teilnahme an online-Petitionen nach gründlicher Lektüre und Analyse der vorgetragenen Gründe,
  • Transparenz und Kommunikation der eigenen Position und deren Begründungen (nein, das geht meist nicht im Insta-Format),
  • Benennung unzulässiger Vereinfachungen, manipulativen Verknüpfungen, Auslassungen, Bevormundung, latenten Aggressionen und Diskreditierung als destruktive Strukturen auch vonseiten der „Guten“,
  • die Einforderung von Aufmerksamkeit für meine Sicht und deren Ursachen, wenn das Thema ohnehin auf dem Tisch ist,
  • Selbststudium und Selbstcoaching – etwa, um mehr Hintergrundinformationen als Entscheidungsbasis zu erhalten bzw. um eigene Ängste und Aggressionen zu bearbeiten oder anderen Menschen bei der Bewältigung der mentalen, physischen, sozialen Herausforderungen zu helfen,
  • die ausgesprochene Weigerung, sich dem rechten Spektrum zuordnen zu lassen; ich entscheide, wo ich stehe,
  • Enthaltsamkeit, insbesondere von erhitzten Kommentarbereichen und stark manipulativ oder einseitig agierenden Profilen,
  • die Unterscheidung von Prinzipienmoral und Gebrauchsmoral und die Einführung einer Corona-Gebrauchsmoral, die meinen Werten entspricht.

Mitunter stelle ich natürlich fest, dass es Widerstand gibt. Nicht umsonst heißt es „Kritik üben“. Auch darum ist es eine so anstrengende, erschöpfende Zeit; sie erfordert die kontinuierliche Überprüfung eigener Werte, die kontinuierliche Anpassung eigener Verhaltensmuster und die kontinuierliche Aufmerksamkeit, die Deutung meiner Handlungen und Positionen nicht fahrlässig anderen zu überlassen. Gleichzeitig brauche ich, um ganzheitlich gesund zu bleiben, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und ein gutes Selbstgefühl. Dies sind kulturelle und individuelle Grundlagen sowohl für einen Umgang mit epidemischen Krankheiten als auch für den Widerstand gegen destruktive Kräfte. Sie brauchen Begegnung, Übung und Schutz, um sich bilden zu können.

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