Sensitivity Reading: Für mehr Vielfalt in der Buchszene

Ob Kiezdeutsch, das generische Femininum oder auch das Thema Sensitivity Reading: Wenn es um Sprache in Deutschland geht, gehen die Meinungen weit auseinander. Wie bei fast jedem Thema mit gesellschaftlicher Relevanz wird heiß diskutiert, bis die Debatte überkocht. Beim Thema „Sensitivity Reading“ sind einige Kritiker*innen sogar so weit gegangen, diese Art des Lektorats mit der Bücherverbrennung zu vergleichen – solche Vergleiche polarisieren und zeigen, dass das Thema stark emotional, und weniger rational und einfühlsam verhandelt wird. Besagte Debatte hat ihren Anfang in den 1970er Jahren, wurde aber in den letzten Jahren mit einem steigenden Interesse und Bewusstsein für faire Sprache und gendergerechte Ausdrücke immer relevanter.

Einige Verlage haben z.B. 2013 angegeben, Klassiker der Kinderliteratur wie die „Pippi Langstrumpf“-Reihe von Astrid Lindgren zu redigieren – rassistische und diskriminierende Begriffe wie „Zigeuner“ und das N-Wort sollten durch neutrale Begriffe ersetzt werden. Der Aufschrei kam prompt: Man würde Klassiker ruinieren, von Zensur war die Rede. Auf der anderen Seite standen Germanist*innen, Linguist*innen und Sprachwissenschaftler*innen sowie Autor*innen und Kritiker*innen, die diesen Schritt begrüßten und als positives Zeichen für einen zeitgerechten Umgang mit Sprache bewerteten.

Was macht ein Sensitivity Reader?

Sensitivity Reading wird der Vorgang genannt, bei dem während oder nach dem regulären Lektorat eines Manuskripts der Text auf fehlerhafte, diskriminierende Darstellungen und Mikroaggressionen geprüft wird. Dabei geht es nicht nur um eindeutig rassistische, sexistische und antisemitische Bezeichnungen, sondern ebenso um Vorurteile und Klischees, die veraltete Rollenbilder und Stereotype unkommentiert reproduzieren. Beispiele hierfür sind z.B. die Beleidigung „Du rennst wie ein Mädchen!“, die die Leistungen eines ganzen Geschlechts herabsetzt, oder bestimmte Handlungsstränge, die BIPoC (Black, Indigenous, People of Colour) oder Menschen mit „Behinderung“ in einer sog. „[White-]Saviour-Narrative“ darstellen – solche Handlungsstränge stellen „weiße“, privilegierte Menschen als Retter*innen dar und sprechen BIPoC und Menschen mit „Behinderung“ ihre Mündigkeit ab. Des Weiteren prüft ein Sensitivity Reader den Text auf Mikroaggressionen, d.h. wohlwollend gemeinte Äußerungen, die Personen abwerten und ausgrenzen, z.B. das gutgemeinte, schlecht durchdachte „Lob“ „Du sprichst aber gut deutsch!“

Eine umfassende Liste mit Themen, denen sich Sensitivity Reader oder Diversity Reader annehmen, findet man auf: http://www.quiethouseediting.com/diversityreading.html. Der Vorgang des Sensitivity Readings ist keineswegs linear, sondern subjektiv und stark abhängig von den Erfahrungen und Einschätzungen des jeweiligen Readers – ganz ähnlich wie ein reguläres Lektorat. Deshalb kann auch nicht garantiert werden, dass ein Text, der von einem Sensitivity Reader bearbeitet wurde, völlig frei von diskriminierenden Aussagen ist – genauso wenig wie man garantieren kann, dass ein lektorierter Text völlig frei von Komma-Fehlern ist.

Insofern ist das Sensitivity Reading eine Tätigkeit und Dienstleistung im Rahmen größerer beruflicher Zusammenhänge, etwa Lektorat, Projektmanagement, linguistische Beratung und Autor*innenconsulting. Das Ziel von Sensitivity Readern ist es, blinde Stellen in einem Text zu identifizieren, die den Autor*innen nicht auffallen. Bei Interesse an einer Tätigkeit als Reader kann man sich in Deutschland auf der Webseite https://sensitivity-reading.de/wie-kann-ich-als-sensitivity-reader-mitwirken informieren.

Vielfalt darstellen, Diskriminierung vermeiden.

Kritiker*innen werfen Sensitivity Reading Zensur vor. Doch es geht nicht darum, Geschichten zu verbieten, sondern sie zeitgerecht zu erzählen (im Übrigen findet in Deutschland keine Zensur statt: Presse- und Meinungsfreiheit werden im besonderen Maße geschützt und gefördert). Medien sind ein Spiegel unserer Gesellschaft und unsere Gesellschaft ist bunt und vielfältig – Eigenschaften, die die Mehrheit unter den Bücherliebhaber*innen und Leseratten wertschätzt und auch in der Auswahl um neue Lieblingstitel sucht – schließlich möchte niemand ein- und dieselbe Geschichte immer wieder lesen, sondern neue und aufregende Bücher entdecken.

Das Ziel von Sensitivity Readern ist also nicht, weniger Geschichten zu erzählen, sondern mehr – Geschichten, die die Vielfalt von Lebensweisen, Angehörigkeit, Körperformen, Geschlecht, Sexualität, Alter, körperlichen und psychischen Krankheiten und „Behinderungen“ lebensnah darstellen, so dass diese Geschichten von allen Leser*innen genossen werden können – ohne über Beschreibungen wie „milchkaffeefarbene Haut“ zu stolpern.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Autor*innen das Äußere ihrer Romanheld*innen nun nicht mehr beschreiben dürfen. Im Gegenteil, solche Beschreibungen sind wichtig für die Geschichte und die Imagination der Leser*innen. Es geht nicht ums dürfen, oder nicht-dürfen, um Verbote oder Regeln. Vielmehr geht es darum, alle Charaktere so zu beschreiben, dass niemandes Merkmale so herausstechen, dass sie als „die Anderen“ gelten, und womöglich exotisierend und fetischisierend wirken.

Im Sensitivity Reading geht es immer um das Wie: Wie wird eine Person, eine Kultur, eine Situation dargestellt? Inwieweit wird eine Person von einer privilegierten Position aus beschrieben? Es geht um die Botschaft zwischen den Zeilen, um Authentizität und Lebensnähe und ja: auch um die Verantwortung als Autor*in und die Frage, was man in seinem Buch als „normal“ darstellt.

Die Kritik geht an der Sache vorbei.

Kritik am Sensitivity Reading kommt folgerichtig oftmals von einer privilegierten Position, d.h. in Deutschland von „weißen“, heterosexuellen, nichtbehinderten Menschen, die die Erlebnisse, Erfahrungen, Meinungen und das Wissen von marginalisierten Gruppen kommentieren – oder ihnen diese schlichtweg nicht glauben. Victoria Linnea, freie Autorin, Sensitivity Reader und Mitgründerin der Webseite https://sensitivity-reading.de, erzählt in ihrem Interview mit Cally Stronk von dem Versuch, eine Konversation auf Twitter zwischen Buchmenschen zu starten, über Textstellen, in denen PoC (People of Colour) beschrieben werden – in der Hoffnung, dass PoC Textstellen melden, die diskriminierend sind und andere Menschen von ihrer Einschätzung und Erfahrungen lernen können („Kulturelle Vielfalt in Büchern“ von Cally Stronk aus: Federwelt, Nr. 136 Juni 2019). Die Konversation hat sich leider nicht in diese Richtung entwickelt – „weiße“ Twitter-Nutzer*innen haben gemeldete Erfahrungen als Einzelfälle abgetan, oder sie geleugnet.

Solche misslungenen Versuche zeigen, dass die Debatte oftmals einseitig ist und von einer privilegierten Position gesteuert wir; einer Position, der sich viele Menschen nicht einmal bewusst sind (einen detaillierten Blick auf Privilegien bietet Sabrina in ihrem Blogeintrag: https://www.niemblog.de/bewusstsein-fuer-privileg/). Alltagsrassismus springt vielen privilegierten Menschen nicht ins Gesicht, genauso wenig wie Alltagssexismus (https://www.zeit.de/campus/2018-08/rassismus-dekonstruktion-weisssein-privileg-robin-diangelo). Nur weil „Alltag-“ vor verschiedenen Diskriminierungsformen steht, sind diese nicht weniger diskriminierend, nicht weniger schmerzhaft, anstrengend, nervig oder gefährlich – gerade diese Alltäglichkeit macht sie so prävalent, so einschneidend, und auch so hartnäckig, weil Diskriminierung in all seinen Formen nicht (mehr) wahrgenommen wird.

Die Abwehr der Ergebnisse von Sensitivity Reading hat sicherlich auch einen sehr persönlichen Ursprung: Niemand möchte als Rassist*in, Sexist*in oder Antisemit*in ausgerufen werden – doch es gibt einen Unterschied zwischen der Anschuldigung „Du bist ein Rassist/Sexist/Antisemit, weil du xy gesagt hast“ und dem Hinweis „Diese Aussage ist rassistisch/sexistisch/antisemitisch/diskriminierend, weil du damit das Stereotyp xy reproduzierst und dies nicht der Realität entspricht“. [Zum Thema Alltagsrassismus ein lesenswerter Beitrag von Elif Kadavar: https://sensitivity-reading.de/nicht-nur-nazis-sind-rassistisch]

Auf die Frage, ob Kinderbücher wie die „Pippi Langstrumpf“-Reihe nun geändert werden sollen, findet Linnea eine zweigeteilte Antwort: Bücher sind immer auch ein Stück Zeitgeschichte, und auch wenn man einzelne Wörter verändert, bedeutet das nicht, dass sich eine problematische Darstellung plötzlich in Luft auflöst – als klebe man ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein. Linnea schlägt vor, problematische Inhalte mit den Kindern offen zu besprechen. Eine weitere Möglichkeit könnte auch ein Hinweis auf potenziell diskriminierende Sprache am Anfang des Buches sein. Was man bei dieser Debatte im Hinterkopf behalten sollte, ist eine einfache Frage: Was ist das Ziel der Veröffentlichung? Was wollen Eltern ihren Kindern, Großeltern ihren Enkeln oder Tanten, Onkeln, Freund*innen, Pat*innen Kindern schenken? Ein historisches Dokument oder eine Kindergeschichte, die den jungen Leser*innen ohne viel Aufhebens zeigt, dass Inklusion und Vielfalt Teil einer friedlichen Welt sind?

Eines ist klar: Nur weil man vor 50, 100 oder 150 Jahren bestimmte Begriffe sagen konnte, ohne dass es eine (anerkannte, öffentliche) Gegenreaktion gab, heißt es noch lange nicht, dass es in „der guten alten Zeit“ richtig war, mittels Sprache zu diskriminieren – es war schon immer falsch, das N-Wort zu benutzen. Die einzigen Unterschiede zu „früher“ sind, dass sich in der heutigen Zeit das Bewusstsein für Sprache erweitert hat und dass die veränderte politische und soziale Lage es erlaubt, dass marginalisierte Gruppen gehört werden. Die Streichung eines diskriminierenden Wortes aus einem Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf ist sicherlich keine Zensur, sondern wäre ein Texteingriff ganz im Sinne Astrid Lindgrens, die sich zeit ihres Lebens für Kinderrechte und Gleichberechtigung einsetzte. 

Text von Anna Lemke

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Fassung. Der Originalbeitrag erschien am 09. Oktober 2019 auf brotgelehrte.de.

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