Schrebergarten – Privileg in der Krise

Der Duden definiert den Schrebergarten so: „Kleingarten innerhalb einer Gartenkolonie am Stadtrand“. Und Wikipedia sagt dazu: „Der Kleingarten, auch Schrebergarten, Heimgarten, Familiengarten […] bezeichnet ein eingezäuntes Stück Land als Garten.“ Und aktuelle google-Anfragen nennen den Schrebergarten als Tatort schrecklichen Missbrauchs; das mach mich befangen.

Früher dachte ich, es würde Strebergarten heißen… wahrscheinlich gar nicht mal so ungewöhnlich – wenn ich das erzähle, wird oft gelacht, genickt und: „Ja, ich auch!“ gesagt. Wenn man mal von dem harmlosen Verhörer absieht, kann man aber auch darüber nachdenken, warum wir Strebergarten verstehen – und was wir uns dann darunter vorstellen. Schrebergärten galten lange und gelten bis heute als Petrischale für deutsche Spießer*innen (die übrigens niemals das Gendersternchen verwenden würden), die akkurat mit dem Zollstock das Gras schneiden und die Nachbar*innen beim Vorstand anzeigen, wenn diese vor 15 Uhr Rasenmähen („Ist doch Mittagsruhe, was denkt der sich eigentlich?“).

Diese Bilder sind ziemlich altbacken, aber auch irgendwie lustig, da harmlos. Weniger harmlos dagegen sind Vorstellungen vom Garteninhaber, der seine Deutschlandflagge stolz am eigens gebauten Fahnenmast hisst, und der sogar die Gartenzwerge danach aussucht, was für eine Haarfarbe unter ihrer Mütze hervorlugt. Gelebtes Klischee – ich habe schon alles gesehen.

Meine Eltern pachten ihren Schrebergarten, seit ich ungefähr sieben und mein Bruder vier Jahre alt war. Wir beide sind mit einem Schrebergarten aufgewachsen. Das, was ich mit einem Schrebergarten verbinde, sind in erster Linie Planschbecken im Sommer, ein schier endloser Vorrat an klebrigen Wassereis, Grillabende, Lagerfeuer… und später, als ich älter war, auch lange, laue Abende mit Musik und Bier, Heizstrahler für die Abende im September oder April und verkaterte Nachmittage in der Hängematte – die vollkommene Abgeschiedenheit, perfekt für ein gutes Buch.

Vielleicht ist es zu romantisch, den Schrebergarten als kleine Oase inmitten einer Stadt zu bezeichnen. Und ich bin Stadtkind durch und durch, ich mag die Anonymität, und auch die kurzen Strecken zum Buchladen und meinen Lieblingscafés (in Paderborn La petite Galerie und Café Röhren, in meiner Heimatstadt das Café Liesgen). Aber was ich nicht leugnen kann, ist die völlige Abkopplung vom Geschehen um mich herum, wenn ich einmal in unserem Garten bin – und stundenlang dableibe. Ich lasse mein Handy in der Tasche, vermisse es nicht. Selbst Radiomusik wirkt fern, wie aus einer anderen Welt. Um nicht zu melodramatisch zu klingen, gleich hier eine andere Perspektive:

Meine Mutter ist leidenschaftliche Gärtnerin. Auch, wenn sie sich vielleicht selbst nicht so bezeichnen würde. Sie kann sich für Blumen und Blumenerde, Rindenmulch und neue Gartengeräte begeistern, wie keine zweite. Ich finde, Rindenmulch riecht einfach schlecht. Meine Mutter kann stundenlang in den Beeten hocken, knien und sitzen, und am Ende hat sie schwarze Fußsohlen und Dreck unter den Fingernägeln und sieht mich an und sagt: „Ich hab richtig viel geschafft heute!“. Und das ist richtig schön. Ich sage ihr, wie toll die Farbkombinationen der Blumen aussehen (absolut wahr) und dass man den Rindenmulch auf dem Weg schon gar nicht mehr so streng riechen kann (eine Lüge). Meine Mutter hat viel Verantwortung in ihrem Job, etwas, worauf sie keinen Einfluss hat, es kommt einfach mit der Profession – die Verantwortung, die sie im Garten übernimmt, ist dagegen ihre eigene, keine Kompromisse, sondern ihre eigenen Regeln. Klar, Unkraut zupfen ist mitunter nervig („Wo kommt das Zeug nur so schnell wieder her?!“), aber den eigens angebauten Salat mit frischen Radieschen, Tomaten und Gurken zu essen… so lecker wie beim Lichter, mindestens. Und worauf meine Mutter noch achtet? Sind die Blumen bienenfreundlich? Wie kann ich meinen Kompost verbessern? Welche heimischen Pflanzen und Blumen kann ich setzen? Und so ist unser Schrebergarten auch ein kleines bisschen Naturschutz.

Unser kleiner Garten war schon so einige Male unser Ersatz-Urlaubziel– nicht nach Italien, Spanien oder nach Rügen, sondern in den eigenen Garten ging es dann. In unseren Pool passen zwei kleine Luftmatratzen, die dann zwar nicht viel umherschwimmen, sondern eher vor sich hindümpeln, aber immerhin, sie schweben auf dem Wasser. In einer Zeit, in der Urlaube gestrichen, umgebucht oder gar nicht erst gebucht werden (können), ist unser Garten insbesondere auch ein Privileg. Für dieses kleine Stück Freiheit bin ich dankbar.

Der Strebergarten“ ist für uns Ruhepunkt, grüne Oase, Konzerthalle, Geburtstagsfeier-Ort, Lese-Paradies und Blumenmeer. Und der einzige Gartenzwerg, der bei uns in einem Beet steht, zeigt dem Vorbeigehenden den Stinkefinger. Und welche Fahne weht bei uns? Meistens gar keine, aber wenn, dann eine Schottland-Flagge, die meine Eltern sich bei einem ihrer liebsten Urlaube gekauft haben. Und den Zollstock verwendet mein Vater nur, wenn er ein neues Bauprojekt aus Holz beginnt. Auch dann nur sporadisch – „Anna, das geht auch Pi mal Daumen“.

Am 14. Juni ist „Tag des Gartens“: https://www.garten-als-naturschutz.de/tag-des-gartens/

https://www.duden.de/rechtschreibung/Schrebergarten

https://de.wikipedia.org/wiki/Kleingarten

Text von Anna Lemke.

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