Interview mit Werner Pfeil über seinen neuen Senne-Krimi “Schwurstein”

EireVerlag: Lieber Werner, „Schwurstein“ ist der sechste Teil der Sennekrimi-Reihe. In wenigen Worten: Worum geht es?

Werner Pfeil: Im Vordergrund steht zunächst der Überfall im Jahr 2002 auf einen Geldtransporter in Hövelhof, bei dem einer der Wachmänner schwer verletzt wird. Eine rätselhafte Angelegenheit, die den bearbeitenden Kommissar verzweifeln lässt und viel zu schnell in den Archiven des Kommissariats verschwindet. Dann geht es um einen Schwur, der zum Schweigen verpflichtet, und es gibt jemand, der sich neben der Polizei brennend für die Auflösung des Rätsels interessiert.

Als meine Ermittler, Vincent Blohm und Melanie Schwarz, die Akte als „Cold Case“ auf den Tisch bekommen und bei einem Mord Hinweise auf das alte Verbrechen finden, wird aus der Routineuntersuchung, ein brandaktueller Fall und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnen.

EireVerlag: Du begleitest die Figuren nun schon einige Jahre – hat sich das auf Deinen Schreibprozess oder die Ideenfindung ausgewirkt?

Werner Pfeil: Zunächst geht es immer um eine Idee, die ich versuche in einem Zweizeiler auszudrücken. Da spielen die Personen noch keine Rolle. Bin ich überzeugt, dass daraus eine interessante Geschichte werden kann, bastele ich mir die Figuren, so wie ich sie brauche … gute und böse, wie mit Knetgummi. Oft sind es Menschen, die ich auf der Straße oder im Café getroffen habe, und deren „Hülle“ ich mir ausleihe, um sie im Fortgang des Schreib-Prozesses mit Fähigkeiten auszustatten. Dann erst stelle ich mir die Frage, ob meine Protagonisten und Protagonistinnen eine Chance gegen sie haben, was meist der Fall ist. Natürlich sind sie älter geworden, aber da es niemals den perfekten Mord geben kann, finden auch Melanie und Vincent die Schwachstelle des Täters. Allerdings geht dem alternden Kommissar bei Verfolgungen schon mal die Puste aus. Gut, dass er die  jüngere Kollegin hat.

EireVerlag: Bei diesem Sennekrimi gibt es außerdem eine Besonderheit: Das Lektorat wurde um einen zusätzlichen Prozess erweitert, nämlich um den des Sensitivity Readings. Das bedeutet, dass der Text auf diskriminierende Sprache und Mikroaggressionen hin gelesen wurde. Wie kam es dazu? (Mehr Infos zum Thema gibt es im hier: http://eire-verlag.de/sensitivity-readig/ und hier: http://www.brotgelehrte.de/2019/10/09/sensitivity-reading-gegen-diskriminierung-fuer-vielfalt-in-der-buchszene/)

Werner Pfeil: Anna Lemke, vom Verlag für das Lektorat zuständig, schrieb mir, dass ihr beim Lesen etwas aufgefallen wäre. Hierbei handelte es sich um Beschreibungen von Situationen oder Personen sowie Begriffen, die eine stark stereotype, klischeehafte und/oder teilweise diskriminierende Färbung haben. Diese hatte sie im Manuskript recht kurz und bündig, aber klar und sehr direkt kommentiert. 

Im ersten Augenblick war ich ehrlich gesagt, ziemlich sauer und es hat gedauert, bis sich eine Art Nach- und Umdenken in mir Gehör verschaffte. Ich bin möglicherweise anfangs mit den Hinweisen nicht professionell umgegangen und habe sie zu persönlich aufgenommen. Als ich verstand, dass sie mit ihren Kommentaren nicht etwa mir etwas unterstellte, sondern die Auffälligkeiten in der Geschichte und in den Figuren zu finden waren, so wie es auch im tatsächlichen Leben häufig unbemerkt vorkommt, habe ich reagiert. Ich bin dann beim Überarbeiten dieser Passagen eine Menge Kompromisse eingegangen. Dialoge habe ich dabei weitestgehend ausgenommen. Es gibt natürlich dumme Männer und Frauen, Machos und Tussis, aber es wäre ungerecht, wenn diese literarischen Gestalten im Buch stellvertretend für ein Geschlecht oder eine Bevölkerungsgruppe auftreten, und sich keine Variationen finden lassen, die zu Wort kommen.

EireVerlag: Das Thema Sensitivity Reading wird emotional diskutiert – viele Autor*innen wollen sich nicht in ihre Texte „reinreden lassen“. Wie kam es dazu, dass Du diesen Schritt als wichtig und richtig empfunden hast?

Werner Pfeil: Ja, Ersteres habe ich am eigenen Leibe gespürt, als ich das Thema bei einem Treffen mit Syndikats Komplizen (Angehörige des Vereins zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur) angesprochen habe. „Gedanken-Schnüffelei. Schlechte Literatur bietet Antworten, gute hingegen hinterlässt Fragen. Aus Sensitivity Reading wird Zensur und Gleichschaltung. Es ist das Gegenteil von freier Meinungsäußerung. Wer schreibt schon gern mit Kondom“ … um nur einige O-Töne zu benennen.

Die Wünsche nach Diversität in Romanen aller Genres steigen zunehmend. Das Publikum möchte die Buntheit, die in unserer Gesellschaft vorhanden ist, repräsentiert sehen: Geschichten mit querdenkenden Personen, Menschen, die der LGBTQIA+-Community (Lesbian-Gay-Bisexual-Transsexual-Queer-Intersexual-Asexual-Plus) angehören und Menschen mit „Behinderungen“. 

Obwohl ich den “Mainstream” nicht bedienen will, habe ich zufälligerweise ähnliche Figuren in Schwurstein eingesetzt. Vielfalt abzubilden, war ein erklärtes Ziel von mir, aber ich habe unterschätzt, wie schnell man unbewusst ins Fettnäpfchen treten kann. Es bedarf eines gehörigen Aufwands an Recherche und Fingerspitzengefühl, um keine Stereotype fortzuführen, die am Ende den realen Menschen mit diesen Erfahrungen vielleicht sogar schaden könnten. 

Sicherlich wäre es hilfreicher und für den Autor/ die Autorin einfacher, wenn „Gegenlesen bei sensiblen Themen“ schon sehr früh einsetzen würde, nicht erst beim fertigen Manuskript, denn die Arbeit, sofern der Verfasser/ die Verfasserin dieser Art des Lektorats zulässt, bringt auch eine Menge zusätzlicher Arbeitszeit mit sich. Wünschenswert ist eine Besprechung in der Phase, während der Urheber noch an seinem Werk herumdoktert.

Meine Zustimmung, Schwurstein auf diese Art lektorieren zu lassen, war der Versuch, mal eine andere Sache ausprobieren, um mitreden zu können – das Ausloten einer Möglichkeit, um mich im zeitgerechten Umgang mit Sprache weiterzuentwickeln. 

EireVerlag: Welche Botschaft möchtest Du deinen treuen Leser*innen vermitteln, die Sensitivity Reading kritisch gegenüberstehen?

Werner Pfeil: Ich sehe im „Sensitivity Reading“ keine Zensur, sondern ein Angebot und so werde ich auch in Zukunft Figuren zeichnen, um sie interessant für Leser /Leserinnen zu machen, und um Gefühle bei ihnen hervorzurufen und Fragen aufzuwerfen. Natürlich werde ich ohne ein von anderen aufgezogenes „Kondom” schreiben und ich habe nicht vor, Empfindlichkeitslesende zu befriedigen, allerdings werden Stereotypen sich mit einem Gegenpart arrangieren müssen. Bedeutet; diejenigen, die sich sexistisch, frauenfeindlich, rassistisch, diskriminierend oder antisemitisch im Dialog äußern, setzen sich einem kräftigen Gegenwind aus.

EireVerlag: Mit „Ein Sommertag im Krieg“ wechselst du das Genre und den Schauplatz. Wie war es für Dich, über Deine eigenen Erlebnisse zu schreiben, und nicht über fiktionale Kriminalgeschichten?

Werner Pfeil: Wesentlich einfacher, um es kurz und knapp zu beantworten, da ich dieses Sachbuch nicht als Hochgelehrter, gespickt mit wissenschaftlichen Aspekten, politischen Analysen und Statistiken zum Konflikt geschrieben habe. Nein, es stammt von mir … einem Soldaten, der Zeitzeuge war. Der Plot oder Handlungsstrang entstand nicht, wie bei den Senne-Krimis am Schreibtisch an der Pinnwand, sondern er ist der allgemeinen dramatischen Situation im Kosovo 1999 geschuldet. Den Spannungsbogen entwickelte ich nicht in der Fantasie, stattdessen schufen ihn das wilde, schöne, ungezähmte Land und die Bevölkerung, die dort seinerzeit lebte sowie meine persönlichen Erlebnisse. Schlussendlich brauchte ich keine Figuren erfinden, denn es sind reale Menschen, die lediglich einen anderen Namen tragen, aber mit denen ich die belastenden Grenzerfahrungen am D-Day im Kosovo geteilt habe.

EireVerlag: Es gibt eine neue und interessante Person, die ganz am Ende des Romans auftaucht und die einen großen Einfluss auf das Leben einer Protagonistin hat… oder zumindest haben kann. Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Wird dies vielleicht in einem siebten Teil thematisiert werden?

Werner Pfeil: Es ist immer mein Ziel, dass man etwas Neues von den Hauptfiguren erfährt. Aus Ihrer Zeit, bevor sie gemeinsam ermitteln, zum Beispiel. Über fünf Senne-Krimis hinweg, lag ein dunkler Nebelschleier auf Melanis Kindheit, der nun zum Teil gelüftet wird. Wie und ob diese Person in einem der möglicherweise folgenden Manuskripte eine Rolle spielt, kann ich ehrlichen Gewissens nicht sagen – ich möchte es allerdings nicht ausschließen, denn es soll ja spannend bleiben. 

Wie bei all meinen Büchern werde ich jedoch auf die Suche nach einer neuen Idee erst dann gehen, wenn das aktuelle veröffentlicht ist, was Mitte März der Fall sein wird. Im Urlaub habe ich, inspiriert durch Wellen, Wind und Sonnenschein, immer die besten Einfälle.

EireVerlag: Wir hoffen natürlich, dass uns Vincent, Melanie und all die anderen Figuren noch lange erhalten bleiben – kannst Du dir vorstellen, in welche Richtung die Reihe noch gehen wird?

Werner Pfeil: Nun ja, Vincent ist, wie ich und André, nicht mehr der Jüngste und im Team gibt es eine Person, die sich verändern möchte. So kann es durchaus sein, dass ich ihn in den „Unruhestand“ entlasse und ein neuer Ermittler/ eine neue Ermittlerin nimmt seinen Platz ein. Das wäre sicherlich nicht nur für mich als Autor, sondern aller Voraussicht nach auch für Melanie, die dann möglicherweise Chefermittlerin wird und das Dezernat leiten muss, eine ungewohnte Situation am Arbeitsplatz, und ganz gewiss auch im Privatleben. Wer weiß?

EireVerlag: Findest Du neben den vielen Lesungen, Events und natürlich dem eigenen Schreiben auch noch Zeit zu lesen? Wenn ja, was reizt Dich momentan?

Werner Pfeil: Aktuell schmökere ich in „Sühnepakt“ vom Aachener Autorenkollegen, Frank Esser, was einen besonderen Grund hat (Näheres dazu in dem Gastbeitrag in der Rubrik „Was wir lesen“). Parallel lese ich den Enkelkindern ab und an aus meinem Kinderbuch „Gefahr für die Freunde im Zauberwald“ vor, dass allerdings nie für die Öffentlichkeit gedacht war und von dem es nur 2 Exemplare gibt. Da es aber schon in Kindergärten gelesen wurde, überlege ich es möglicherweise doch irgendwann zu veröffentlichen…

Vielen Dank für Deine Zeit! Die Fragen stellte Anna Helene Lemke.

Den neuen Senne-Krimi “Schwurstein” kann man hier vorbestellen: http://eire-verlag.de/schwurstein/. Informationen zu weiteren Titeln von Werner Pfeil finden Sie hier: http://eire-verlag.de/katalog/ und hier: http://www.senne-krimi.de/.

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