Interview mit Siobhán Fenton

In diesem Monat erscheint „Beyond Brexit“ von Siobhán Fenton im EireVerlag. Wir haben die Autorin interviewt und sie gebeten, uns etwas über sich selbst, ihr Leben als Journalistin und ihre Leidenschaft für ihre Heimat zu erzählen.

EireVerlag: Liebe Frau Fenton, wir haben uns sehr gefreut, als wir das Recht erworben haben, Ihr Buch „The Good Friday Agreement“ hier in Deutschland zu veröffentlichen. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Siobhán Fenton: Ich freue mich sehr, dass „The Good Friday Agreement“ in Deutschland veröffentlicht wird. Seit der Veröffentlichung des Buches in englischer Sprache im Jahr 2018 war ich angenehm überrascht, wie viele deutsche Leser*innen ein Exemplar gelesen und mich darüber kontaktiert haben. Nach dem Brexit hat das Interesse der europäischen Leser*innen an Nordirland, seinem Friedensprozess und seiner Grenze stark zugenommen.

EireVerlag: Können Sie uns etwas über sich erzählen? Über Ihr Leben und Ihren Beruf als Schriftstellerin und Journalistin?

Siobhán Fenton: Ich wurde in England geboren. Meine Familie zog nach Belfast, als ich drei Jahre alt war. Ich verbrachte den größten Teil meiner Kindheit in Nordirland, bevor ich nach England zurückkehrte, um zur Universität zu gehen. Ich habe Englisch an der Universität Oxford und Gender Studies an der Universität Cambridge studiert und für beide Abschlüsse einen großen Teil meines Studiums mit der Erforschung des Friedensprozesses und der „Troubles“ in Nordirland.

Ich begann meine Karriere als Journalistin bei der Zeitung „The Independent“ in London, wo ich zwei Jahre lang arbeitete. Nach dem Brexit-Referendum im Jahr 2016 wurde Nordirland ins Rampenlicht gerückt, als die Politiker überlegten, wie sich der Austritt Großbritanniens aus der EU auf die irische Grenze auswirken würde. Ich bin 2017 nach Belfast gezogen, um für die britischen Medien über den Brexit zu berichten, und habe angefangen, dieses Buch zu schreiben. Ich habe auch ein Jahr bei der BBC als Journalistin in ihrem nordirischen Büro gearbeitet. Ich berichte hauptsächlich über Nordirland für britische und irische Medien wie BBC, Sky TV, Guardian, Independent und New Statesman.

In meinem Schreiben bin ich besonders daran interessiert, wie sich der Konflikt auf das Leben von Frauen ausgewirkt hat, da dieses Thema in vielen früheren Berichten und Analysen über Nordirland außer Acht gelassen wurde. Neben meinem Schreiben beschäftige ich mich auch mit feministischem Aktivismus in Irland. Ich war beim Referendum 2018 aktiv, um Schwangerschaftsabbrüche in der Republik Irland zu legalisieren sowie bei der Kampagne für in Nordirland.

EireVerlag: Können Sie uns Hintergrundinformationen zu Ihrem Buch geben – was sollte ein Leser wissen, bevor er mit dem Lesen beginnt?

Siobhán Fenton: Während ich das Buch schrieb, war ich daran interessiert, das Buch für die Menschen so zugänglich wie möglich zu machen, die vielleicht noch nicht viel über Nordirland wissen. Das Eröffnungskapitel bietet eine grundlegende Einführung in den Konflikt und die Hauptereignisse des 20. Jahrhunderts. Ich hoffe, dass dies die Leser*innen mit allen wichtigen Punkten ausstatten wird, die sie wissen müssen, um den Rest des Buches zu verstehen.

EireVerlag: Können Sie uns etwas über die wichtigsten Themen Ihres Buches erzählen – ohne zu viel zu verraten?

Siobhán Fenton: Das wichtigste Thema des Buches ist das, was in Nordirland als „Legacy Issues“ bezeichnet wird – wie der Konflikt das zeitgenössische Leben weiterhin prägt. Obwohl der blutige Konflikt 1998 mit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens endete, wurde das Leben nicht sofort normal. Während sich Nordirland in den zwei Jahrzehnten seitdem stark verbessert hat, ist es immer noch weit von der Mainstream-Gesellschaft entfernt.

Dies ist am bemerkenswertesten in Bezug auf das psychische Erbe des Konflikts. In Nordirland sind Selbstmord, Selbstverletzung, Angstzustände, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen weitaus häufiger als in anderen Teilen des Vereinigten Königreichs oder Irlands. Experten glauben, dass dies auf das langanhaltende Trauma zurückzuführen ist, Ereignisse aus dem Konflikt mitzuerleben oder auf traumatische Weise Hinterbliebene zu sein. Dies ist ein sehr reales aktuelles Problem, das das Leben der Menschen von Tag zu Tag beeinflusst.

Ein weiteres wichtiges Thema des Buches ist, wie Frauen von den Problemen betroffen waren. Dazu gehört insbesondere, wie sich die häusliche Gewalt während des Konflikts verschlechterte. Dies lag zum Teil daran, dass Polizisten und andere Staatsangestellte Waffen erhielten, die sie zu ihrem persönlichen Schutz mit nach Hause nahmen, und viele missbrauchten sie leider, um ihre eigenen Frauen zu bedrohen oder zu töten.

Darüber hinaus zeigen Beweise, dass während der „Troubles“, Polizisten nicht auf die Notrufe von Frauen reagiert haben, als diese den Notruf wegen häuslicher Gewalt ruften. Sie argumentierten, dass sie „wichtigere Arbeit“ zur Bekämpfung des Terrorismus hätten. Aber dies bedeutete eben, dass viele schutzbedürftige Menschen isoliert und allein gelassen wurden, als sie den staatlichen Schutz vor schwerer Gewalt verdienten. In dem Buch schreibe ich über einige ihrer Erfahrungen und darüber, wie Sexismus in der nordirischen Gesellschaft dazu geführt hat, dass ihre Erfahrungen selten diskutiert oder angemessen berücksichtigt werden.

EireVerlag: In dem Buch stellen Sie fest, dass das Karfreitagsabkommen und die Folgen der „Troubles“ Ihr Leben und das Ihrer Eltern stark beeinflusst haben. Waren Sie schon immer daran interessiert, über diese Themen zu schreiben?

Siobhán Fenton: Bevor ich das Buch schrieb, hatte ich noch nie über die Erfahrungen meiner Familie mit dem Konflikt geschrieben. Als Journalistin bin ich es hauptsächlich gewohnt, über die Geschichten anderer Leute zu schreiben, und deshalb war ich es nicht gewohnt über meine eigenen zu sprechen. Es kann für viele Nordir*innen auch ein schwieriges und emotionales Thema sein darüber zu diskutieren, da viele von uns ein persönliches Trauma haben, das sich nicht leicht mit anderen teilen lässt. Ich hielt es jedoch für wichtig, dies anzusprechen, da ich aus Nordirland komme, nicht vollständig vom Thema losgelöst bin und natürlich persönliche Erfahrungen und Erinnerungen habe. Ich denke auch, dass jüngere Generationen von Journalist*innen die Möglichkeit haben, diese Themen offener zu diskutieren, als dies vielleicht bei früheren Generationen von Journalist*innen in Nordirland der Fall war – die Diskussionen über Traumata werden immer fortschrittlicher und nuancierter.

EireVerlag: In dem Buch schaffen Sie es, „beide Seiten“ der Geschichte zu veranschaulichen – war das für Sie schwierig?

Siobhán Fenton: Während des gesamten Buches hielt ich es für sehr wichtig, beide Seiten der Geschichte zu veranschaulichen. Das Buch ist keine persönliche Polemik, und ich versuche auch nicht, einen Standpunkt zu kommunizieren, den ich für absolut richtig halte oder den die Leser*innen übernehmen sollen. Stattdessen versuche ich, die Leser*innen über die Hauptargumente auf beiden Seiten zu informieren, damit sie hoffentlich die Perspektiven der betroffenen Menschen verstehen können, auch wenn sie ihnen nicht unbedingt zustimmen.

EireVerlag: Seit dem Jahr, in dem Ihr Buch zum ersten Mal veröffentlicht wurde, ist eine ganze Menge passiert. Wie bewerten Sie die Änderungen?

Siobhán Fenton: In den zwei Jahren seit der Veröffentlichung der ersten Ausgabe des Buches im Jahr 2018 ist tatsächlich viel passiert. Für die deutsche Übersetzung habe ich ein aktualisiertes Kapitel geschrieben, in dem die wichtigsten Änderungen zusammengefasst sind.

Die wichtigste Änderung war vielleicht, dass Stormonts Regierung drei Jahre lang nicht tagte und damit Nordirland den Weltrekord für eine Demokratie ohne Regierung bescherte. Als das Buch zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hatte der Zusammenbruch nur ein Jahr gedauert. Zu dieser Zeit fühlte sich das wie eine sehr lange Zeit an und nur wenige Menschen stellten sich vor, dass der Stillstand bis Januar 2020 andauern würde. Schließlich gelang es DUP und Sinn Féin im neuen Jahr, eine Einigung zu erzielen, um gemeinsam wieder in die Regierung zurückzukehren – Stormont funktioniert wieder. Die dreijährige Pause hat jedoch enorme Auswirkungen auf die Politik und Gesellschaft Nordirlands. Sie deckte viele der Schwachstellen des Friedensprozesses auf und schockierte viele Menschen, die vielleicht begonnen hatten, Stabilität als selbstverständlich zu betrachten.

Tragischerweise wurde im April 2019 eine junge Journalistin namens Lyra McKee während eines Aufstands in Derry von der New IRA erschossen. Ihr Tod schockierte und betrübte Gemeinden in ganz Nordirland, insbesondere Millennials, die wenig oder gar keine Erinnerungen an den Konflikt hatten. Der Mord war eine beunruhigende Erinnerung an die Tatsache, dass terroristische Gruppen wie die IRA weiterhin in Nordirland operieren, wenn auch in viel geringerem Umfang als während des Konflikts. Es erinnerte viele Menschen daran, dass die nordirische Gesellschaft alles andere als normal ist und dass noch viel Arbeit geleistet werden muss, um sicherzustellen, dass terroristische Gruppen den Frieden begrüßen.

EireVerlag: Sind Sie selbst eine begeisterte Leserin? Wenn ja, was lesen Sie gerade? Würden Sie es empfehlen?

Siobhán Fenton: In der irischen Literaturtradition hat das Schreiben von Essays in jüngster Zeit wieder zugenommen – über Themen wie gender („Geschlecht“), LGBT-Themen des alltäglichen Lebens, digitale Kultur und zeitgenössische Gesellschaft. Insbesondere gibt es einige wirklich talentierte und aufregende irische Schriftsteller*innen im Genre. Ich habe kürzlich „Constellations“ von Sinéad Gleeson, „Notes to Self“ von Emilie Pine und „Tunnel Vision“ von Kevin Breathnach gelesen und geliebt.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Fragen und Übersetzung aus dem Englischen von Anna Lemke.

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