Ein Interview mit Krimi-Autorin Janne Joonsen

Wie geht es unseren Autor*innen, in einer Zeit, in der Lesungen ausfallen, Buchhandlungen lange geschlossen waren und sich unser Leben so stark verändert hat?

EireVerlag: Liebe Frau Joonsen, dies wird das zweite Interview des EireVerlages mit Ihnen sein. Unser erstes Interview im Juli 2019 ist fast genau ein Jahr her! Und so vieles hat sich in unser aller Leben verändert – für manche mehr, für andere weniger. Deshalb hier eine einfache, aber ehrliche Frage: Wie geht es Ihnen?

Janne Joonsen: Die Frage ist vielleicht kurz, aber keines Falls einfach. Tatsächlich empfinde ich es sogar als ziemlich komplexe Frage. Antworte ich darauf aus dem ersten Impuls heraus, so würde ich immer sagen: „Blendend!“ Aber so ist es tatsächlich fast nie. Die oberflächliche Sorte von Fragern ist mit „Blendend“ allerdings schnell zufriedenzustellen. Wenige andere erkennen zwar die oftmals tiefe Ironie, vermeiden aber gerade dann jedes weitere Nachfragen. Noch weniger Menschen sind daran interessiert, warum es vielleicht nicht blendend ist. Aber noch viel viel Wenigeren möchten man auch tatsächlich erklären, warum. Also … es geht mir blendend.

EireVerlag: In unserem ersten Interview ging es um ihren ersten Kriminalroman, der im EireVerlag erschienen ist: „Die Kälte der Teufel“. Können Sie uns ein wenig über das Buch erzählen – ohne zu viel vorweg zu nehmen?

Janne Joonsen: Im Verlauf der Handlung fällt relativ schnell ein Schuss und eine Frau liegt tot auf dem zentralen Platz eines englischen Dorfes. Und ohne dass einer von beiden genau beantworten könnte, warum eigentlich, raufen sich zwei sehr unterschiedliche Charaktere – die Rumänin Jenna und der Literaturwissenschaftler Greg – zusammen, um die Hintergründe dieses Todes zu beleuchten. So weit – so krimitypisch. Am Ende allerdings stellt sich der Schuss nicht als Mord, die gegenwärtige Zeitebene nicht als zentral und die Tote nicht als Opfer heraus … und Schuld ist nicht gleich Schuld.

EireVerlag: Die „Corona-Krise“ verändert das Leben, teils überaus drastisch und unwiderruflich. Verlegerin Mareike Menne hat in ihren Corona-Updates auch über die Hürden des EireVerlages geschrieben. Wie bewerten Sie die Änderungen, die es in Ihrem Leben gab, welchen Ausmaßes sie auch sein mögen, privat oder beruflich?

Janne Joonsen: Wenn ich an die letzten Monate zurückdenke und die Änderungen in einem Ausdruck fassen müsste, dann fällt mir als erstes das Wort ‚intensiv‘ ein. So war es die letzte Zeit und so ist es noch. In welcher Beziehung? In so ziemlich jeder Beziehung. Intensiv kann sowohl gut als auch schlecht sein. Und genau so war es; manches positiv, manches negativ, fast nichts normal. Auf Dauer ist das anstrengend.  

EireVerlag: Die Eindämmung des Virus ist unser aller Aufgabe, doch das Thema wird auch politisiert. Welche Emotionen, Gefühle, Mechanismen, Schwierigkeiten erleben Sie in Ihrem Alltag, aber auch in Ihrer Profession als Autorin? Können, möchten Sie über das Erlebte schreiben?

Janne Joonsen: Die Bereitschaft zur Toleranz schwindet, und zwar zur Toleranz im wahrsten Sinne des Wortes. Toleranz bedeutet nicht, großmütig Dinge hinzunehmen, die die eigene Identität und Individualität sowieso kaum bis gar nicht berühren. Toleranz bedeutet, Geschehen zu ertragen und zu erdulden. Und erdulden impliziert sehr deutlich, dass das vielleicht gar nicht lustig oder leicht oder mühelos ist, sondern Rücksicht, sich selbst zurücknehmen und Verzicht bedeutet. Manchmal erscheint es als wahrer Kraftakt zu tolerieren, wie wenig Mitmenschen echte Toleranz zeigen; auch gegenüber notwendigen Regelungen. 

EireVerlag: In unserem ersten Interview haben Sie ihr liebstes Schreib-Ritual so beschrieben: „Ich habe einen tollen Platz an einem Glastisch. Rechts liegen stapelweise Bücher auf einem Stuhl, links liegt der schlafende Hund, stehen Orchideen am Fenster und ein Klavier an der Wand. Mein Schreibritual: morgens vor der Arbeit und am Wochenende vorm Aufstehen … und nie ohne Kaffee.“ Konnten Sie das in den letzten drei Monaten fortführen?

Janne Joonsen: Zumindest partiell war das durchaus möglich. Und die Tage, an denen es nicht funktioniert hat, sind kaum an äußeren Rahmenbedingungen, sondern eher an mangelnder Disziplin gescheitert. Das frühe Aufstehen findet, zumindest bei mir, seine natürliche Begrenzung im zu späten Schlafengehen am Abend zuvor. Und das wiederum mag tatsächlich an der zunehmenden Intensität des Arbeits- und Privatlebens liegen. Doch ein kleines Stündchen früher dürfte es ruhig dennoch sein das Aufstehen. Aber ich arbeite daran.

EireVerlag: Schreibblockade – ein gruseliges Wort für alle Arten von Autor*innen, ob Sachbuch, Essays oder Roman. Bedeutet „Corona“ für Sie kreative Freiheit oder gar Lähmung?

Janne Joonsen: Tendenziell ist es eher Letzteres, jedoch nur hinsichtlich des Zeitfaktors. Toi, toi, toi … bisher habe ich noch keine Schreibblockade durchmachen müssen.

EireVerlag: Können Sie unseren Leser*innen verraten, was Ihnen besonders durch eine schwere, anstrengende Zeit hilft?

Janne Joonsen: Achtsamkeit, das ist es, was mir bei vielen Dingen hilft, die anstrengend und fordernd sind; vor allem die Achtsamkeit im Denken. Früher hätte ich es wahrscheinlich mit dem Prinzip umschrieben „Eins nach dem anderen“. Es ist also gar nichts Besonderes. Achtsames Denken trifft es allerdings noch ein bisschen besser, da der eigene Geist tatsächlich seinen eigenen Kopf hat. Um wirklich konzentriert bei einer Sache zu bleiben und anderes bewusst auszublenden, bedarf es schon öfter mal eines gehörigen Maßes an Umsicht und Aufmerksamkeit gegenüber eigener Vermeidungs- und Ablenkungsstrategien.

EireVerlag: In unserem ersten Interview fragten wir Sie, mit welcher Figur Sie gerne mal einen Kaffee trinken wollen würden… Das wäre nun nicht mehr ohne weiteres möglich, auch wenn in vielen Ländern Restaurants und Cafés mit strengen Auflagen wieder geöffnet haben. Was glauben Sie, wie es Ihren Figuren in unserer heutigen Realität gehen würde?

Janne Joonsen:   Romancharaktere kämpfen ohnehin mit mehr Herausforderungen als der Alltagsmensch. Das ist ein Teil ihres Wesens. Sie würden sich daran aufreiben, scheitern, wachsen; so, wie es Figuren immer tun.

EireVerlag: „Kälte der Teufel“ endet mit einem Cliffhanger; Leser*innen sind gespannt, wie es denn weitergehen könnte… Können Sie uns etwas zu Ihren Plänen erzählen?

Janne Joonsen: Gerade entsteht das Ende meines zweiten Manuskripts, welches aktuell im ersten Entwurf bei weit über 300 Seiten liegt. Die Geschichte nimmt die Fäden aus der „Kälte der Teufel“ locker auf, soll jedoch auch als eigenständiger Krimi funktionieren. Das ist eine unglaublich spannende Phase. Ich bin ja selbst total neugierig, was noch alles passiert, bis das Wort „Ende“ unter dem ersten Entwurf steht. Und ich freue mich unglaublich auf die Arbeit, die genau dann erst losgeht, nämlich aus einer oft unbeholfenen Reihung von Szenen eine stimmige Geschichte entstehen zu lassen. Darf ich eigentlich den Arbeitstitel verraten? („Das Vergehen“ 😊)

EireVerlag: Vielen Dank für Ihre Zeit – wir wünschen Ihnen nur das Beste und sind gespannt auf weitere Werke!

Hier kann man „Die Kälte der Teufel“ bequem bestellen: https://www.bod.de/buchshop/die-kaelte-der-teufel-janne-joonsen-9783943380927

ISBN: 9783943380927 Preis: 14,90 Euro

Fragen von Anna Lemke

Menü