Gleichberechtigt Schreiben und Sprechen –

und wie?

Dass das generische Maskulinum vielen Menschen nicht genügt, dürfte inzwischen allgemein bekannt sein. Mitgemeint ist noch lange nicht Mitgedacht; viele Menschen wissen das schon lange, auch Studien zum Thema belegen dies. Halbherzige Floskeln („Mann oder Frau – Kunde ist Kunde“) werden nicht (mehr) einfach hingenommen.

Deshalb soll es in diesem Text auch nicht um die Verteidigung gendergerechter Sprache gehen, oder gar um ihre Rechtfertigung. Sprachwissenschaftler*innen, Germanist*innen und Linguist*innen können eins mit Sicherheit bestätigen: Sprache ist nicht fest verankert, sie ist stetig im Wandel; Veränderungen und Anpassungen an unsere Zeit, um angemessen ausdrücken zu können, was wir sagen und schreiben wollen, sind nicht etwa ungewöhnlich, sondern eine Schlüsseleigenschaft von Sprache. Ein natürlicher Prozess. Oder denkt Ihr etwa so, wie Goethe geschrieben hat? Boykottiert Ihr das Wort Computer? Verwendet Ihr vielleicht das Wort Geheimkünstler, wenn Ihr eine alte Folge von Siegrid und Roy auf der Mattscheibe beaugapfelt?  

Was gibt es denn so im Angebot?

In diesem Text soll es um die verschiedenen Möglichkeiten gehen, wie man gendergerecht schreiben und auch sprechen kann – diese zwei Dinge gehen Hand in Hand. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, die jeweils Vor- und Nachteile mit sich bringen. Es ist sicher für alle etwas dabei – wie bei einer Eisdiele, probiert ruhig einmal alles durch. Ein Löffelchen hiervon, eine Waffel davon. Und wenn etwas nicht schmeckt? Dann versuche doch eine andere Variante am nächsten Tag (in meinem Zimmer sind es momentan um die 37 Grad, bitte verzeiht mir den kurzen gedanklichen Ausflug an einen Ort meiner Träume).

Lasst mich bei meinem momentanen Favoriten anfangen (wer hat bemerkt, worum es sich handelt?): Tada, Einsatz: das Gender-Sternchen.

Oberflächlich betrachtet finde ich das Gender-Sternchen einfach ganz hübsch – ein Stern für all jene, die Frau, Mann, nicht-binär, genderqueer oder intersexuell sind. Das ist doch schön. Das gefällt mir persönlich besser, als der Unterstrich (Lehrer_innen) oder die Schrägstrich-Variante (Lehrer/-innen). Der Stern bedeutet eben auch, dass die binäre Einteilung der Geschlechter hier nicht im Vordergrund steht. Weil es momentan noch keine neuen Bezeichnungen für das Dritte Geschlecht gibt, packe ich gerne ein Sternchen an die Stelle. Praktisch betrachtet ist mir das Sternchen einfach schon in Fleisch und Blut übergegangen; das mag zwar ein wenig pathetisch klingen, vielleicht sogar dramatisch, aber all jene, die viel und schnell auf einer Laptop- oder Computertastatur schreiben, werden nachvollziehen können, was ich meine. Meine Finger fügen das Sternchen inzwischen wie selbstverständlich ein, als ob es nie anders gewesen wäre. Noch leichter geht es mit dem Binnen-I (LehrerInnen), da man kein Zeichen einsetzt, sondern einen schon vorhandenen Buchstaben einfach großschreibt. Aber das Binnen-I ist nicht so hübsch.

Mein zweiter Liebling ist die Doppelpunkt-Variante (Lehrer:innen) – weil ich persönlich finde, dass die besonders elegant im Wort selbst untergeht; das Wort verleibt sich den Doppelpunkt ein und es sieht fast so aus, als stünde er schon immer da und nehme einen gemütlichen Platz ein. Diese Variante ist unaufgeregt, und vielleicht deshalb so alltagstauglich. Man stolpert nicht beim Lesen.  

Natürlich kann man auch einfach immer beide Formen nennen, Lehrerinnen und Lehrer. Dies könnte einen Text minimal verlängern – manche empfinden die Doppelnennung als störend, da länger, und deshalb zeitaufwendiger (aber ganz ehrlich, wenn ein Mensch sich schon die Zeit nimmt, einen Text zu lesen, dann ist es nur angebracht, dem Text auch seine/ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken, oder? Ich lehne mich hier mal aus dem sprichwörtlichen Fenster und würde behaupten, dass es der Mehrheit von Leser*innen einer Tageszeitung, eines Blogbeitrages oder eines Magazins sowieso in erster Linie um den Inhalt geht. Wie viel mehr Zeit können ein paar Gender-Sternchen denn schon kosten? Ich wage mal zu behaupten, dass es länger dauert, sich über gendergerechte Sprache aufzuregen, als einen inklusiven Text aufmerksam zu lesen). Die Doppelnennung ist aber sicherlich auch eine der inklusivsten Varianten, weil hier explizit Frauen und Männer benannt werden. Wie inklusiv das System Frau und Mann ist, ist jedoch ein anderes, wichtiges Thema und wird z.B. innerhalb des intersektionalen Feminismus stark kritisiert. Das Dritte Geschlecht ist seit 2018 anerkannt in Deutschland, und ist ein Schirmbegriff für viele verschiedene Geschlechter – „(biological) sex“ und „gender“ werden hier unterschieden, und Geschlechtsidentität als Spektrum beschrieben. Die dritte Option wird also auch bei der Doppelnennung außer Acht gelassen – ein Versäumnis, das wiederum Menschen unsichtbar macht (weitere Infos unten bei den Links).

Eine weitere Möglichkeit besteht natürlich auch darin, soweit es eben geht, neutrale Begriffe zu verwenden, die kein Geschlecht explizit nennt (Lehrkraft). Mit einer Satzumstellung und dem ein oder anderen Passiv-Satz kann man sich natürlich auch helfen: „Die Kinder werden (vom Personal der Schule) unterrichtet“ und nicht „Die Lehrer unterrichten die Kinder“.

Die Webseiten, die mir schon oft geholfen haben, und dies sicherlich auch in der Zukunft noch tun werden, sind folgende:

https://gender-glossar.de/glossar/alphabetisches-glossar

Diese beiden Seiten sind hilfreiche Ressourcen, wenn man ein bestimmtes Wort im Kopf hat und gerne Alternativen nachgucken möchte (Bsp.: statt Illustratoren – Illustrierende).

Wer sich an eine offiziellere Stelle wenden möchte, dem ich kann ich die Gesellschaft für Deutsche Sprache e.V. empfehlen: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-geschlechtergerechten-sprache/#. Die GfDS empfiehlt insgesamt vier Möglichkeiten der gendergerechten Sprache explizit, neun weitere Möglichkeiten werden nicht empfohlen (darunter auch meine derzeitige Lieblingsvariante – und ich werde es weiterhin verwenden, bis etwas noch Inklusiveres daherkommt – was ein rebellischer Akt!).

Die Doppelnennung (Lehrerinnen und Lehrer), die Schrägstrichlosung (Lehrer/-innen), die Ersatzformen (Lehrkraft) und die Klammerlösung (Lehrer(innen)) werden unterstützt. Die Anforderungen der GfDS sind folgende: Die gendergerechte Sprache muss verständlich sein, lesbar sein, vorlesbar sein, grammatisch korrekt sein und Eindeutigkeit und Rechtssicherheit gewährleisten. Diese Anforderungen werden, laut GfDS, beispielsweise beim Gendersternchen oder bei der Doppelpunkt-Variante nicht erfüllt, weil diese Schreibweisen nicht den gängigen Rechtschreibregeln, und damit der aktuellen Rechtschreibung, entsprechen.

Wir haben die Wahl.

Der Beitrag der GfDS ist ein lesenswerter Text, für welche Variante Ihr euch nun letztendlich auch entscheidet. Der Beitrag zeigt einige Punkte ganz deutlich:

  1. Es gibt viele Varianten, und es kommen stetig neue dazu. Die Auswahl ist groß, und wir können frei wählen. Ihr könnt gendergerecht schreiben und sprechen UND gleichzeitig den Rechtschreibregeln folgen, was ein herrliches Fazit!
  2. Ihr könnt auch ein wenig rebellisch sein, und eine Variante wählen, die zwar noch nicht im Duden steht, dafür aber Menschen miteinschließt, die sich nicht als Mann oder Frau sehen, sondern divers/ nicht-binär/ intersexuell/ genderqueer sind. Inklusiver geht es nicht.

Egal, für welche Variante Ihr euch entscheidet, das Endergebnis ist dasselbe: Sprache, die nicht nur mitdenkt, sondern benennt. Das können und müssen wir zu leisten bereit sein.

P.S. Wie spricht man denn eigentlich mit einem Gender-Sternchen? Das machen z.B. Gizem und Lúcia in ihrem Podcast „Realitäter*innen“ vor. Die beiden gendern ihre Sprache, indem sie beim Sprechen eine kurze Pause nach dem Stern (dem Doppelpunkt, dem Bindestrich, dem Binnen-I…) lassen. Stört das beim Hören? Nö, das macht happy.

Links

Studie aus Schweden: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/studie-aus-schweden-geschlechtergerechte-sprache-wirkt/24906988.html

Marlies Krämer geht vor Gericht: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sparkasse-darf-kundin-vorerst-als-kunde-anreden-a-abe41756-d49d-4f69-9271-6114b603d114

GdFS: https://gfds.de/standpunkt-der-gfds-zu-einer-geschlechtergerechten-sprache/#Klammerl%C3%B6sung

Das Dritte Geschlecht: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ThemenUndForschung/Geschlecht/Dritte_Option/Dritte_Option_node.html

Und hier auch Kritik am Gesetz: https://queer-lexikon.net/2019/09/25/quickies-folge-3-der-dritte-geschlechtseintrag/

Lexikoneintrag „Geschlechtsidentität“: https://queer-lexikon.net/2017/06/15/geschlechtsidentitaet/

Podcast von Gizem und Lúcia: „Realitäter*innen“ überall da, wo es Podcasts gibt. Ich höre z.B. auf Spotify (ein paar Infos: https://ze.tt/queerness-und-maennlichkeit-der-podcast-realitaeterinnen-zeigt-neue-perspektiven-auf/)

Text von Anna Lemke

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