„Die Hoffnungsvollen“ von Anna Sperk

In dieser Besprechung geht es um „Die Hoffnungsvollen“ von Anna Sperk (Achtung: Spoiler für den Inhalt folgen).

Der Roman handelt von Alex, die kurz nach der Wende ihr Studium in Linden beginnt. Ihren Eltern zuliebe studiert sie Informatik, und ihren eigenen Interessen folgend studiert sie Ethnologie. Der Spagat zwischen den beiden Fächern erweist sich als schwierig, zumal sich mehr und mehr herausstellt, dass Alex kein tiefergehendes Interesse an Informatik hat. Hinzu kommt ein unfreundliches und teilweise frauenfeindliches Klima unter Studierenden und Dozenten. Entgegen des Wunschs ihrer Eltern, beendet sie ihr Informatikstudium und widmet sich ganz der Ethnologie und dem Russischen, da sie gerne nach Tuva reisen möchte, um dort den Geisterglaube der Menschen zu erforschen. Während einer ihrer Studentinnen-Jobs lernt sie Sven kennen, einen Archäologie-Studenten, und die beiden beginnen eine Beziehung. Ihr Studium kann Alex schließlich erfolgreich abschließen, wenn auch viele Stolpersteine im Weg lagen. Während sie ihre Doktorarbeit vorbereitet, wird sie schwanger und gemeinsam mit Sven entscheidet sie, dass sie gerne eine Familie gründen möchten. Alex‘ Doktorgrad wird anerkannt, doch sie findet keine unbefristeten Stellen, hangelt sich von Stipendium zu Stipendium und ihre Anträge auf Forschungsreisen werden abgelehnt. Sie ist auf Sozialleistungen angewiesen und muss letztendlich erkennen, dass ihr Traumberuf keine Zukunftsperspektiven für sie selbst und ihre Tochter bietet.

Ich habe das Buch bei mir zuhause auf dem Balkon gelesen, und manchmal im Garten in der Hängematte. Das Buch sieht jetzt ein wenig zerlesen aus, weil eine beträchtliche Anzahl an gelben Post-It-Zetteln oben herausgucken. Die Kommentare auf den Zetteln gehen von „Bafög gab es auch schon in 1992?“, über „Warum tut sie das hier?“, zu „Warum sind alle so versnobbt?“.

Die Hoffnungsvollen ist eigentlich ein trauriges Buch – die Handlung kann man in einem Satz so zusammenfassen: Alexandra arbeitet hart für ihren Traumberuf, und muss ihn am Ende aufgeben. Vielleicht stehe ich dem Roman deswegen ein wenig skeptisch, nervös, zwiegespalten gegenüber? Vielleicht, weil ich mich am Anfang des Romans so sehr mit der gerade 20-jährigen Protagonistin Alexandra verglichen habe? Ihre Eltern verstehen ihre Leidenschaft nicht, für ein Studienfach, das ihrer Meinung nach keine Zukunft hat – und, oh man, am Ende hatten sie Recht? Alexandras Suche nach einer Wohnung, die bezahlbar ist, weil sie nur minimal Geld von ihren Eltern zur Unterstützung annehmen will, ihre fruchtlosen Unternehmungen Bafög zu erhalten und ihre Sorgen, sie könne ihr Studium nicht erfolgreich weiterführen… das alles kenne ich gut. Und ihre Dozent*innen? Die warnen ihre Studierenden, dass es keine Arbeitsplätze geben wird, wenn sie fertig sind – „der Markt ist übersättigt“, „Studieren Sie lieber was mit Technik“ oder auch „Stellen Sie sich darauf ein, später einmal etwas völlig anderes zu tun, als sie sich gewünscht haben“. Solche Sätze kenne ich auch, mit leichten Abwandlungen. Das Paradoxe, ja sogar witzige daran (ist das schon Galgenhumor?): Die Handlung spielt gar nicht im Jetzt und Hier, sondern kurz nach der Wende, 1992, in einem der sogenannten neuen Bundesländer. Da war ich noch 4 Jahre lang gar nicht auf der Welt, und doch haben Alexandra und ich so viele gemeinsame Dinge erlebt… (Können Sie meinen Sarkasmus hören?).

Das entmutigt. Und das macht auch wütend, frustriert und trotzig. Ich habe auch studiert, was ich wollte, immer mit dem Satz meiner Oma im Hinterkopf „Also mit Germanistik kannst du ja vielleicht doch mal Lehrerin werden“. Ich lächle dann immer ein bisschen gequält, weil ich meine Oma ja so liebe und ich ihr dann aber erklären muss, zum wiederholten Mal, dass das nie mein Plan war, und sogar als Plan B (Plan Z?) nicht infrage kommt, weil ich wirklich überhaupt kein Interesse daran habe, Lehrerin zu sein. Unter Medienwissenschaften kann sich meine Oma schon gar nichts mehr vorstellen.  

Trotzig bin ich auch, weil ich – anders als Alexandra im Buch – nie einen Wunsch verspürt habe, einmal Mutter zu sein. Im Roman entschließt sich Alexandra zum Wohle ihrer Tochter, nicht mehr als Doktorin der Ethnologie zu arbeiten, und ihre Wissenschaftskarriere zu beenden. Ihre Anträge werden abgelehnt, sie bekommt keine Gelder mehr zur Forschung – der Roman macht klar, dass dies nicht etwa an fehlender Kompetenz oder einem langweiligen Forschungsthema liegt, sondern schlichtweg an Überforderung und Überlastung der Stellen, die Stipendiaten, Förderungen etc. vergeben. Und so muss Alexandra eine Entscheidung treffen, die ihr eigentlich keine Wahl lässt: Ständig von Arbeitslosengeld zu leben, an seitenlangen Anträgen zu arbeiten, immer mit der Hoffnung, doch noch eine positive Antwort zu erhalten, damit sie weiterhin als Ethnologin forschen kann – und dabei eben viel Zeit und Ressourcen zu investieren – oder einen Job anzunehmen, der zwar weit entfernt von ihrer Profession liegt, der aber ihre Familie ernähren und ihr Freiheit geben kann.

Freiheit ist hier zwar ein sehr pathetisches Wort, aber diese Freiheit war Alex immer schon wichtig – zuerst ging es um ihre eigene, kleine, persönliche Freiheit: weg vom Elternhaus, weg vom alten Regime der DDR, hinein in die eigene Wohnung, auf eigenen Beinen stehen. Um diese Freiheit zu erreichen, lebt sie in einem besetzten Haus mit zwei Mitbewohnern, das so unendlich kalt im Winter is, dass ihr Computer den Geist aufgibt. Des Weiteren geben ihr ihre Forschungsreisen Freiheit – sie reist mehrere Mal nach Tuva (Tuwa), nach Sibirien, und schreibt Bücher über den Geisterglauben der Menschen. Und die Bücher, die sie darüber schreibt, sind in ihrer Wissenschafts-Community hoch angesehen. Was bedeutet Freiheit für die Alexandra am Ende des Romans, für die Frau Mitte dreißig, die eine junge Tochter hat? Ihre Wünsche sind auf ihre Tochter ausgerichtet, haben sich angepasst. Und natürlich sollte es genauso sein – Mutter vor Kind? Aber sollte es das wirklich? Muss es das, immer? Warum geht nicht beides? Weil es eben nicht geht.

Der Roman zeigt so viele strukturelle Probleme in der Wissenschafts-Community und an den Universitäten auf, dass man als Leser*in die kalte „Wahrheit“ erkennen muss: Beides geht eben nicht. Es ist einfach über eine so große Entität wie „das System“ zu schreiben, in diesem Fall geht es um die deutsche Wissenschaftspolitik, aber auch mindestens genauso stark um Familienpolitik. Die „Wahrheit“, die der Roman erzählt, ist natürlich eine fiktive, ein Einzelfall, eine Charakterstudie – und gleichzeitig aber auch ein Abziehbild für die Gesellschaft, in der wir uns als Geisteswissenschaftler*innen bewegen und in der wir arbeiten.

Am Ende war ich nicht frustriert über Alexandra, sondern über die Umstände (vage, ich weiß). Aber trotzdem habe ich nach dem Lesen Alexandra ein bisschen die Schuld geben… Warum? Weil wir uns dann eben doch nicht so ähnlich sind, und weil es einfach ist, Steine auf eine fiktive Person zu werfen. Schließlich kann die nicht zurückwerfen. Ich habe mir einige Male beim Lesen gedacht „Ich hätte das anders gemacht!“ – und vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Man könnte gehässig sein, und sagen „Tja, ist doch klar, wenn sie sich für ein Kind entscheidet, dann leidet eben die Karriere“.

Das ist nicht fair. Und noch ein paar andere Dinge.

Frauen werden notorisch abgestraft, wenn sie sich für Kinder entscheiden; das ist belegt und natürlich von Beruf zu Beruf, Sektor zu Sektor, Stellung zu Stellung unterschiedlich (von intersektionalen Diskriminierungen ganz zu schweigen). Ich kann nicht aus eigener Erfahrung schreiben, aber meine Arbeitgeberin Mareike Menne kann genau das. Und da gibt es sogar einige schöne, wenn auch späte Entwicklungen zum Thema Elternzeit und Wiedereintritt in die Berufswelt, und natürlich auch noch offene Fragen: „Wir sehen, dass tatsächlich viele geisteswissenschaftliche Väter Elternzeit nehmen. Vor ca. 10 Jahren berichteten sie noch davon, dass sie dann dieselben strukturellen Nachteile erfahren wie Frauen, die Elternzeit nehmen. Das hat sich seither wohl verändert, auch zugunsten der Frauen. Ungerechtigkeiten zeigen sich aktuell z.B. im WissZG, wo die 8 Wochen genauso angerechnet werden wie die 12 Monate. Tatsächlich nehmen aber insbesondere im Hochschulkontext/ öffentlichen Diesnt viele Männer mehr Elternzeit als in der Privatwirtschaft. Nicht erfasst ist dabei die Frage nach der längeren Elternzeit, also der Praxis, wenn die Kinder keine Babies mehr sind. Auch da sehen wir ein deutliches Engagement von Vätern im Hochschulkontext, und auch eine bessere Vernetzung bzw. gegenseitige Unterstützung.“

Im Roman passiert das nicht. Sven, Alexandras langjähriger Partner und Vater ihrer gemeinsamen Tochter, ist selbst abhängig von befristeten Stellen, und muss, wenn diese sich zu sehr häufen, eine Pause einlegen und sich andere Stellen suchen – oder selbst Sozialleistungen beantragen. Er wohnt in einer anderen Stadt, hat eine eigene Wohnung und priorisiert seine Arbeit, genauso wie Alex ihre Arbeit priorisiert. Die Tatsache, dass ihre Tochter bei Alex lebt und Alex dadurch auch den Großteil der „Care-Arbeit“ übernimmt, ist dem Umstand geschuldet, dass Alex Kitaplätze an den Unis bekommt, an denen sie Stipendien oder Drittmittel erhält. Überhaupt ist Sven nur ein Nebencharakter im Roman, der insgesamt blass bleibt, obwohl Alex und er über fast den gesamten Roman ein Paar sind – in dem Sinne macht „Die Hoffnungsvollen“ keinen Hehl daraus, dass Alex in vielerlei Hinsicht auf sich selbst gestellt ist. Nicht aus Bosheit zu Sven, sondern weil diese romantische Beziehung Alex nicht definiert.

Nun arbeitet Alexandra nicht in einem klassischen Bürojob. Vielleicht dachte ich deshalb manchmal, wie naiv sie doch war, sich vorzustellen, dass ihre Reisen nach Sibirien genauso problemlos mit einem Kleinking klappen würden (tagelang zu Pferde durch das eiskalte Sibieren reiten, all das mit einem kleinen Kind auf dem Rücken?). Aber Naivität ist kein Verbrechen, und in Alexandras Fall kann man sie wohl eher in Gutgläubigkeit umbenennen – oder ist das dasselbe? Am Ende tut mir Alexandra einfach leid. Weil sie viel Leidenschaft, Zeit, Geld, Emotionalität und Ressourcen in eine Profession hineingesteckt hat, die ihr am Ende nichts zurückgibt; keine Sicherheit, keine Erfüllung, und keine realen Möglichkeiten, sich und ihrer Familie ein angenehmes Leben zu schaffen. Hier kann man natürlich weiterfragen: Was ist ein angenehmes, ein würdevolles Leben? Für die Mittdreißigerin ist die Frage eng verknüpft mit der Frage nach dem Wohlergehen ihrer Tochter: Wie würde sich ein stetig wandelndes Leben auf sie auswirken? Ständig von unbefristeter Stelle zu unbefristeter Stelle hangeln; in Deutschland, Russland, England verschiedene Schulen besuchen; monatelang Papa Sven nicht sehen zu können. Und so nimmt sie ihre eigenen Ambitionen zurück. Das letzte Drittel des Romans kann man durchaus auch als Liebeserklärung an Mutter-Kind-Beziehungen lesen, die eben nicht nur durch eine rosarote Brille beschrieben werden, sondern auch durch das eigene Zurückstecken geprägt ist – ob man diese spezielle Lesart mag, muss jede*r für sich entscheiden.

Einige Anmerkungen zum Schreibstil des Romans:
Das, was mich immer fasziniert, an die Seiten fesselt und brennend interessiert, ist das Innenleben der Figuren. Egal welches Genre, ob Krimithriller, Drama oder Gesellschaftsroman, ich möchte wissen, was die Figuren fühlen, denken, sich wünschen, tagträumen, spekulieren. Für mich ist dieser Unterscheid einer der zentralsten, wenn es darum geht, Bücher und Filme/Serien miteinander zu vergleichen – der alte Kampf zwischen den Medien (was ist besser?) ist überholt und war schon seit Beginn des Films vor mehr als 100 Jahren ziemlich sinnlos, meiner Meinung nach (ehret das Buch, ehret den Film, wie war das nochmal mit Äpfeln und Birnen? Oder Kanarienvögeln und Panzerwagen?). Es geht nicht um die Frage, wer hat es besser gemacht, sondern wie hat ein Buch und ein Film oder eine Serie es geschafft, dass wir, Leser*innen und Zuschauer*innen, die Figur verstehen?

Sperk schreibt mit sehr klaren Worten – keine Gefühlsduselei, keine überbordenden Beschreibungen der Tundra von Sibirien (ich denke da an Ken Follett und seine detailgenauen, seitenlangen Beschreibungen von Gebäuden… manchmal ist weniger mehr). Aber, und hier kommt das aber… mir persönlich hätte es gut gefallen, wenn ich ein wenig mehr von (über?) Alexandra erfahren hätte. Ihre Gefühle und Gedanken bleiben der Leser*in oft verwehrt, so dass ich mich nach manchen Stellen gefragt habe, was ist denn jetzt los mit Alex? Wie fühlt sie sich? Wie beurteilt sie dieses oder jenes? Besonders bei den Stellen, in denen Alex eindeutig sexistische Diskriminierung erfährt, oder an einer Stelle sexuelle Gewalt erlebt. Diese Stellen bleiben auf eine gespenstische Art unkommentiert… Da hätte ich mir gewünscht, wenn Alex Stellung bezogen hätte. Auch bei einer Szene mit einer guten Freundin von Alex hätte ich mir einen Kommentar, eine Stellungnahme gewünscht; an dieser Stelle müssen Alex und ihre tuvinische Freundin ein Treffen mit zwei weiteren tuvinischen Frauen verlassen, weil diese Alex’ Freundin beschuldigen, den Ehemann einer der Frauen zu verhexen – weil sie selbst ledig ist. Dieser Art von Aberglaube gehört auch zu Alexandras Forschungsfeld, und ich hätte gerne ihr Wissen und ihre Meinung gelesen.

So investiert man eben nicht so viel – es ist kein Buch zum Weinen, Zetern, Glücklich sein… sogar die Frustration, die ich oben beschrieben habe, verebbt schnellt und war nie zornig-rot, sondern ehr blass-rosa. Vielleicht ist das aber genau die Stärke des Romans: Man kann eben auch argumentieren, dass, wenn die Gefühle in den Hintergrund treten, die Missstände und strukturellen Probleme der Welt, die Sperk beschreibt, in den Vordergrund treten. Ich habe auf jeden Fall neue Perspektiven kennengelernt; über das Verhältnis zwischen DDR und dem Westen in der Wissenschafts-Community – ein Thema, das sich bis dahin nicht in meiner Sphäre befunden hat -, über die Arbeit als Doktorandin, und über das Temperament von Wissenschaftler*innen (oder das Narrativ des Temperamtes von Wissenschaftler*innen?)

Empfehlung?

Sicherlich würde ich das Buch Studierenden und Absolvent*innen der Geisteswissenschaften emopfehlen – weil der Roman sich teilweise wie ein Deja Vu liest, und ein wenig schmerzt. Aber natürlich auch allen Interessierten, denen die oben beschriebenen Themen auch fremd vorkommen. Denn Alex‘ Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ist universell.

„Die Hoffnungsvollen“ von Anna Sperk kann man z.B. hier kaufen: https://shop.autorenwelt.de/products/die-hoffnungsvollen-von-anna-sperk?variant=51680006086

Text von Anna Lemke


 

Menü