Ariay und die Perser

ein Gespräch mit Max Gross

Menne&Töchter: Herr Gross, können Sie uns etwas über den Inhalt Ihres Buches „Aufbruch nach Westen – Ariay und die Perser“ erzählen, ohne zu viel vorweg zu nehmen?

Max Gross: Großvaters Erinnerungen an seine Kindheit als Hirtenjunge und später als persischer Söldner bilden den Rahmen der Geschichte. Seinen Enkelkindern erzählt er, wie er eines Tages seine Familie und Sippe verlässt, weil sein Volk von den Persern bedroht wird.

Auf der Suche nach seiner wahren Aufgabe folgt er Zaotar, dem geflügelten Boten, der in der goldenen Schale das Friedensfeuer trägt: das Zeichen der Sonne.

Auch Urmia, seine Freundin verlässt ihre Familie, um ihren Vater zu suchen. Sie folgt dem Zeichen des Mondes. Ihr getrenntes Schicksal führt sie erst am Ende des Lebens wieder zusammen. Urmia, die bei den Sarmaten eingeweiht und die Kriegskunst eingeführt wird, kämpft gegen die Perser, in deren Dienste Ariay als Söldner steht.

Sein geheimer Auftrag bewahrt die Sarmaten schließlich vor einer Niederlage.

Als Ariay viele Jahre später Urmia wiederfindet und Nuray, seiner Tochter zum ersten Mal begegnet, kehrt in seinem Herzen endlich Ruhe ein.

Menne&Töchter: In diese Erzählung haben Sie einige biografische Einzelheiten eingebaut. Was hat Sie dazu inspiriert? Haben Sie lange an dem Manuskript gesessen, oder war es durch die Einflechtung Ihrer eigenen Erfahrungen leichter oder schwieriger, zu schreiben?

Max Gross: Bilder und Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend spielen in der Erzählung eine wesentliche Rolle. Dadurch entstand eine Art Seelenverwandtschaft zwischen mir und Ariay, der Hauptperson der Erzählung. Ariays Schicksal hinterließ seine Spuren in mir, während ich die Geschichte schrieb. Der eigene Lebensweg folgt ja auch einem Erzählstrang auf der Bühne des Lebens, der nicht nach starren Regeln verläuft sondern variabel und wandlungsfähig ist.

In diesem Sinn erleichterten mir die eigenen Erfahrungen den Prozess des Schreibens.

Menne&Töchter: Die Verbindung von biografischen Details und einer historischen Fiktion mag manchen Leser*innen ungewöhnlich erscheinen. Können Sie uns ein wenig über diese stilistische Entscheidung erzählen?

Max Gross: In alten Kulturen folgten die Lebensverhältnisse noch anderen Gesetzmäßigkeiten.

Die Menschen waren mit Tier und Natur noch inniger verbunden, weil ihr Überleben vom Umgang mit ihnen abhing. Gleichzeitig bewahrten die Menschen auch etwas in ihrer Seele, was später verlorenging: Altes Hellsehen und ihre Nähe zu den Naturkräften. In den Gruppenritualen erlebten die Sippenangehörigen noch unmittelbar ihre Zugehörigkeit zu diesen und gleichzeitig ihre Abhängigkeit. Das Anknüpfen an diese Lebenswelt war mir ein Anliegen, weil ich eigene Seelenanteile darin wiederfinde.

Gleichzeitig erfolgte die Konfrontation mit dem Königreich der Perser, deren Kultur und Zivilisation äußeren Glanz und Reichtum ausstrahlte, aber auch Machtstrukturen und Hierarchien das freie Leben des Einzelnen eingrenzte. Die Begegnung mit der damaligen modernen Welt, Stadtleben und politischen Auseinandersetzungen öffnete Ariay die Augen für andere Wertmaßstäbe und Lebensverhältnisse, die ihm als Nomade völlig fremd waren.

Damit tritt Ariays Geschichte in ein anderes Zeitgeschehen, das vergleichbar mit unserer Zivilisation ist und, biographisch gesehen, den Bogen spannt zu meinem Leben in der Jetztzeit.

Menne&Töchter: In „Aufbruch nach Westen“ geht es nicht nur um das Nomaden-Leben von Ariay und seiner Familie und Freund*innen, sondern auch um Spiritualität, Schicksal, freier Wille und die Entscheidungen, die man als junger Mensch treffen muss. Was soll der/die Leser*in am Ende des Buches mitnehmen?

Max Gross: Unser Leben folgt einem Entwurf, der von übergeordneten Faktoren mitbestimmt wird, dessen Umsetzung wir durch eigene Entschlüsse und Lebensschritte steuern und verändern können.

Ariay folgt seiner inneren Stimme und nimmt die Herausforderungen an, die ihn in bedrohliche Lebenssituationen bringt. Gleichzeitig werden ihm die Augen geöffnet. Sein Blick weitet sich über das persönliche Schicksal hinaus. Er wird mit Völkerschicksalen, Krieg und Frieden konfrontiert, was ja auch unsere moderne Welt beherrscht.

Die Botschaft könnte sein, dass wir hören lernen auf unsere innere Stimme, Herausforderungen nicht ausweichen und zu einer Art Urvertrauen zurückfinden, das wir durch die moderne Zivilisation und Entfremdung von Natur und Umwelt verloren haben.

Menne&Töchter: Wie sind Sie auf diese Themenkomplexe gekommen? Haben Sie viel recherchiert? Wie sah diese Recherche aus – viel Arbeit im Internet, oder sind Sie z.B. auch viel gereist, haben Sie Museen und Archive besucht? 

Max Gross: Ariay erzählt seinen Enkelkindern von seinen Vorfahren, die einst mit ihren Schafherden in den Tälern des Altai-Gebirges lebten und später ihre Lebensräume verließen. In alle Himmelsrichtungen seien die Stämme aufgebrochen. Das Volk der Saken zog nach Westen und fand schließlich in den Quellgebieten des Tien Shan eine neue Heimat.

Forscher entdeckten in einer Höhle des Altai-Gebirges uralte Knochenfunde und manche bezeichnen dieses gebirgige Land in der Mitte Asiens als Wiege der Menschheit.

Das Nomadenleben hat sich in den Bergregionen der zentralasiatischen Länder bis heute erhalten. Am stärksten verbreitet ist das Halbnomadentum noch bei den Kirgisen, deren Vorfahren sakische Stammesverbände waren.

Bei mehreren Besuchen in Kirgisien habe ich das einfache Leben der Halbnomaden kennengelernt, in Jurten übernachtet, ihre liebenswerte Gastfreundschaft erlebt und viele Eindrücke aus ihrem Alltagsleben mitgenommen. Zusammen mit meiner Frau besuchte ich Hügelgräber, alte Kultorte, Karawansereien und Museen in dem gebirgigen Land.

Weiterführende Literatur zum Nomadentum und den benachbarten sesshaften Völkern zur Zeit der persischen Großkönige halfen mir, die damalige politische Situation zu verstehen und in die Erzählung mit einzubauen.

Menne&Töchter: Erzählen Sie uns etwas über Ihre Schreib-Geschichte: Haben Sie schon immer gerne Geschichten geschrieben, oder kam das erst später? Was macht diesen Zeitpunkt für Ihr Debut so besonders? Warum genau jetzt?

Max Gross:Seit einigen Jahren kann ich mich ausschließlich meinen eigenen Projekten widmen.

Eines davon ist, meinen Ursprüngen auf die Spur zu kommen, auf dem Weg der Meditation und über Nachforschungen. Dabei gehe ich so vor, wie sich etwas anfühlt und was für Anziehungskräfte es in mir auslöst.

Als ein Freund von mir von einem Projekt in Kirgisien erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme. Keine Minute habe ich gezögert, mit ihm dahin zu reisen. Später überlegte er es sich anders, und ich flog zusammen mit meiner Frau dahin, die von der Idee ebenso begeistert war.

Jahre davor tauchten Bilder in mir auf, als ich an meinem Buch schrieb, die ich beim Besuch des Landes wiedererkannte und die Nähe und Heimatgefühle bei mir weckten.

Menne&Töchter: Sie sind Musiker; können Sie uns ein wenig über die Verbindung zwischen Musik und Literatur erzählen? Gibt es überhaupt eine Verbindung, oder sind diese beiden Teile ihres Lebens strikt getrennt? Was bedeutet das Schreiben für Sie, was das Musizieren? 

Max Gross: Ich sehe mich mehr als Grenzgänger zwischen den Künsten.

Wenn ich komponiere, dann arbeite ich mit Klangfarben und es entstehen eher Farbskizzen und kleine bunte Aquarelle zeitloserer Art und weniger übereinander geschichtete Klangsysteme. Dabei bleibe ich beim Arbeiten immer nahe an den Instrumenten, die ich meistens selbst auch spiele.

Worte und Geschichten waren für mich immer eine Inspirationsquelle für meine Kompositionen. Zu vielen Märchen habe ich Musik geschrieben und diese mit Kindern oder Erwachsenen aufgeführt. Die beiden letzten Projekte waren Ausschnitte aus dem kirgisischen Volksepos „Manas“ (Der Zauberstein) und eine Schöpfungsgeschichte nach indianischen Mythen (Der Baum des Lebens), die ich zusammengestellt, teilweise erweitert und musikalisch dargestellt habe. Zu beiden Projekten liegen CD-Aufnahmen vor.

Die Sprache übte auf mich immer eine Anziehungskraft aus und ist zugleich die größte Herausforderung, weil über Worte alles offenkundig wird und die Varianten des Ausdrucks unzählige sind. Seit meiner Jugend schreibe ich Tagebücher, die ja durch die spontanen Einträge eine persönliche Signatur tragen. Bei einer Erzählung mit handelnden und fühlenden Personen geht der Blick über das Persönliche hinaus. Man tritt in eine Verhältnis zu einer neu geschaffenen Welt und fühlt Verantwortung für sie, wie das auch bei Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen heißt: Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.

Menne&Töchter: Mit welcher Ihrer Figuren würden Sie gerne mal einen Tee trinken?

Max Gross: Natürlich mit Urmia, aber weniger, weil Ariay sie liebte, sondern weil sie ihm immer auch etwas fremd geblieben war. Mit Urmia bei einem Kurkumatee auf weichen Teppichen in einer offenen Jurte, das wäre bestimmt idyllisch.

Menne&Töchter: Das Buch handelt von dem Leben Ariays, obwohl Sie sich natürlich auf eine ganz bestimmte Zeitspanne darin konzentrieren. Planen Sie, mehr Geschichten aus Ariays Leben zu schreiben? Oder gar über andere Figuren, die wir kennenlernen? Ich persönlich würde ja gerne mehr über die Kriegerinnen und Urmia erfahren. 

Max Gross: In der neuen Erzählung steht Soura, das Enkelkind Ariays, im Mittelpunkt. Deshalb liegt es nahe, die Geschichte als Fortsetzungsroman zu bezeichnen, was aber nur bedingt stimmt.

In der neuen Erzählung überwiegt stärker das Persönliche, Individuelle, Souras Träume, Wünsche und verborgenen Geschichten, gegenüber dem äußeren Geschehen, das natürlich auch ihr Schicksal bestimmt.

Handlung und Umstände einer Erzählung aber entwickeln während des Schreibens immer eine Eigendynamik, weil sich Eigenleben entfaltet.Aufbruch nach Westen hat auch für Überraschungen gesorgt, auf die ich nicht vorbereitet war.

Menne&Töchter: Vielen Dank für Ihre Zeit.

Die Fragen stellte Anna Lemke.

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