Was wir lesen: 

Lakewood von Megan Giddins (Englisch) 

Ich muss zugeben, in den letzten Monaten von 2020 habe ich in einem Lesesumpf festgesteckt: Ich konnte mich nur für wenige Romane begeistern, und habe stattdessen fleißig Sachbücher gekauft, die schon länger auf meiner Wunschliste standen und von denen ich weiß, dass ihre Themen mich auch noch in Zukunft interessieren werden. Ein paar gute Investitionen sozusagen. Gelesen habe ich aber viele davon auch noch nicht… wie gesagt: Lesesumpf. Aber hey, wenigstens habe ich die Bücher in kleinen, unabhängigen Buchläden gekauft – das war gut für die Wirtschaft, oder? 

Manchmal stecke ich ein wenig fest, was Lesestoff angeht, und das ist auch völlig OK, und wahrscheinlich auch keine Seltenheit unter Vielleser*innen. Manchmal spricht einen einfach nichts an. Um aus diesem Lesesumpf herauszukommen, habe ich mir ein paar Empfehlungen von mehr oder weniger bekannten Rezensent*innen angeschaut, auf Youtube und auf Instagram. Und ich kann mir freudiger Bestimmtheit verkünden: Ich bin erfolgreich aus meinem Lesesumpf emporgestiegen – halleluja. Das erste Buch, das ich in 2021 gelesen habe, ist der Debutroman „Lakewood“ von Megan Giddins. 

Worum geht es? 

Nach dem Tod ihrer Großmutter, beendet Lena Johnson ihr Studium, um ihre Mutter finanziell zu unterstützen. Das Leben von Lenas Mutter ist geprägt durch mentale Erkrankungen und körperliche Schmerzen, und die Familie muss hohe Krankenhausrechnungen bezahlen – von den Medikamenten ganz zu schweigen. Lena bewirbt sich für verschiedene, schlecht bezahlte Jobs, aber zu einem ersten Arbeitstag als Angestellte eines Fast Food Restaurants kommt es nicht: Sie erhält einen Brief, der sie darüber informiert, dass sie als Probandin verschiedener Studien eingeladen wird; die Bezahlung ist beachtlich, und so entscheidet sich Lena dafür, die Testphase mitzumachen. Geheimnisvoll (oder gar unheilvoll?) ist, dass sie niemandem in ihrem Umfeld von diesem Jobangebot erzählen darf – sie muss eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben, um überhaupt bei der Testphase mitmachen zu können. Was testen die Wissenschaftler*innen in der Studie, und warum? Und warum werden fast ausschließlich Schwarze Menschen und People of Colour in der Studie als Testpersonen eingesetzt? Wie viel Wert hat ein Leben? Was ist ethisch vertretbar, und was nicht? Welche Rolle spielen raceund Klasse bei medizinischen Experimenten? 

Empfehlung? 

Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Das ist mir schon länger nicht passiert – das Buch hat mich definitiv wieder daran erinnert, warum ich es liebe zu lesen. Der Roman ist unheimlich, traurig, erschreckend, merkwürdig und spannend. Und ich weiß nicht so recht, in welches Genre ich das Buch einordnen würde: Zeitgenössische Gegenwartsliteratur, Thriller, dystopischer Roman? Besonders gut gefallen hat mir, dass die Leserin direkt in die Geschichte geworfen wird; es gibt keine lange Einleitung, sondern man wird sofort mit der Trauer und dem Gefühl des Verloren-Seins von Lena konfrontiert. Lena, die ihre geliebte Großmutter verliert, und damit auch einen sicheren Hafen und ein starkes Familienoberhaupt. Lenas Gefühle gegenüber ihrer Mutter sind komplex und schmerzhaft und doch ist ihre Liebe und Fürsorge auch sehr nachvollziehbar. Ihre Entscheidungen im Laufe des Buches scheinen weniger und weniger von ihr selbst zu kommen, vielmehr scheint es, als ob Lena sich treiben lässt – allerdings nicht in einem sanften und ruhigen Fluss, sondern in einem reißenden Strudel. 

Besonders interessant war die stilistische Entscheidung der Autorin, ihren Erzählstil im letzten Drittel des Romans zu verändern – eine ungewöhnliche Entscheidung, die ich so nicht oft gesehen habe. Meiner Meinung nach funktioniert es aber, das kann aber auch Geschmackssache sein. Das einzig negative, was ich über das Buch sagen kann, ist dies: Ich hätte noch gerne so viel mehr gelesen, 288 Seiten sind nicht genug! 

Das Ende des Buches ist bewusst offen gehalten – ob es eine Fortsetzung geben wird? Ich weiß es nicht. Es würde mich aber nicht wundern, wenn die Geschichte um Lena nicht fortgeführt werden würde. Das Buch funktioniert sehr gut als Solo-Werk mit einem starken historischen Bezug, der sehr subtil in die Geschichte eingeflochten wird. 

Wem würde „Lakewood“ gefallen? 

Allen Leser*innen, die gerne überraschende und merkwürdige Geschichten lesen. Obwohl ich mich weiter oben gefragt habe, ob ich das Buch nicht als Thriller einordnen würde, ist das Buch wahrscheinlich nichts für beinharte Krimi- und Tatort-Fans: „Lakewood“ entspricht keiner Formel, folgt keinem bekannten Pfad, sondern liest sich oft wie eine Erinnerung oder Fiebertraum Lenas. Auch das offene Ende ist bestimmt nicht für jede*n was – so viel sei gesagt: Am Ende gibt es keine Gerechtigkeit, keinen Abschluss, nur offene Fragen. 

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