Vom Privileg, sich mit Geschichten beschäftigen zu dürfen

Interview mit Janne Joonsen

Eire Verlag: Liebe Frau Joonsen, „Die Kälte der Teufel“ ist Ihr erstes Buch. Wie kamen Sie auf die Idee, die Handlung in England spielen zu lassen?

Janne Joonsen: Ich habe Verwandtschaft in England und war dort natürlich mehrere Male zu Besuch. Außerdem habe ich vor der Berufsausbildung etliche Wochen in einer englischen Gastfamilie in Hastings gelebt, direkt an der Küste. Da habe ich oft auf’s Meer hinausgeschaut und (literarisch) überlegt, wie der arme Teufel wohl ins Gras beißen musste, der dort als Leiche den Strand hinaufspült …

Eire Verlag: Einer ihrer Hauptcharaktere, Greg, hat Verwandte aus Hamburg: Wollten Sie schon von Anfang an eine Verbindung zwischen dem englischen Setting und Deutschland herstellen? Und können Sie sich vorstellen, dass es Ihre Hauptfiguren auch einmal nach Ostwestfalen verschlagen wird? Könnte die gleiche Handlung nicht auch in Dalheim spielen?

Janne Joonsen: Hamburg ist eine meiner Lieblingsstädte. Außerdem fand ich es interessant, einen Norddeutschen auf eine Italienerin und eine Rumänin treffen zu lassen. Die Hauptfiguren aus „Die Kälte der Teufel“ in OWL? Na ja, wer weiß … Ich nehme an, dass die Handlung prinzipiell nirgendwo und überall spielen könnte. Ich finde es wichtiger, dass die Charaktere faszinieren und die Figurenkonstellation funktionert.

Eire Verlag: Wenn Sie mit einem Charakter aus Ihrem Buch eine Tasse Tee trinken könnten, mit wem würden Sie gerne ein Gespräch führen und warum?

Janne Joonsen: Will Lloyd ist spannend. Mit ihm und David würde ich aber lieber die Reeperbahn unsicher machen. Mit Greg könnte ich sicher die bessere Unterhaltung führen, Literaturwissenschaftler unter sich sozusagen … Außerdem weiß er guten Kaffee zu schätzen. Mr Headman und die Bathory sind mir zu unheimlich. Zwischen Maja und Jenna möchte ich mich nicht drängen wollen.

Eire Verlag: Einige Namen der Figuren sind außergewöhnlich. Wie kamen Sie z.B. auf die Namen Bathory und Jenaya?

Janne Joonsen: Jenaya ist rumänischer Herkunft und behält im ganzen Buch einen geheimnisvollen Hintergrund. Bei der Figurenentwicklung hat sie sich einen Rufnamen gewünscht, der sie von ihrer Vergangenheit etwas distanziert. Und da wollte ich mal nicht so sein und habe nach einem rumänischen Namen gesucht, der sich vereinfachen lässt und dennoch klingt: Jenna. Elisabeth Báthory war eine ungarische Gräfin, im 17. Jahrhundert als Serienmörderin verurteilt. Sie hat die Legende der Blutgräfin begründet. Da die Thea Bathory in meinem Buch keine eigene Stimme hat, sollte sie wenigstens einen legendären Namen wirken lassen können.

Eire Verlag: Neben dem Mord ist das zweite große Verbrechen im Buch der Kindesmissbrauch. Das ist aktuell ein Thema mit großer Öffentlichkeit. Warum haben Sie dieses Thema ausgewählt, und worauf sollten Leser*innen sich einstellen?

Janne Joonsen: Der Missbrauch in „Die Kälte der Teufel“ wird angedeutet, nicht beschrieben, und ist Auslöser dramatischer Handlungen. Alles, was das Thema im Bewusstsein hält und Wahrnehmung und Aufmerksamkeit steigert, ist hilfreicher als Tabuisierung.

Eire Verlag: Sie haben in Paderborn Literaturwissenschaft studiert. Inwieweit begleitet Sie Ihr Studium beim Schreiben bzw. hat Ihr Studium Sie vielleicht dazu inspiriert, mit dem Schreiben anzufangen?

Janne Joonsen: Gedanklich mit Schreiben beschäftigt habe ich mich schon als Kind. Habe auch Pläne und Entwürfe dazu gehabt. Habe es aber nie getan. Nicht eine Zeile. Literaturwissenschaft war dann einfach die Grundlage. Und es gab dort etliche Autoren (tote wie auch lebendige), deren Texte und Leben mich tatsächlich inspiriert haben. Hinzu kam auch der Satz einer Professorin, den ich nie vergessen habe. Ich kann sie immer noch im Hörsaal stehen und sagen hören: „Es ist ein Privileg, sich mit Geschichten beschäftigen zu dürfen.“

Eire Verlag: Sie haben „Die Kälte der Teufel“ in Ihrer Freizeit geschrieben. War es schwer, Beruf, Familie, Hobbies und das Schreiben unter einen Hut zu bekommen?

Janne Joonsen: Ich habe nur zwei Hobbies, denen ich täglich nachgehe: Schreiben und Hundspaziergänge. Eins erledige ich vor der Arbeit und das andere danach, am Wochenende abwechselnd. Es bietet sich eben an, Inhalte beim Spazierengehen zu durchdenken, um sie danach direkt aufschreiben zu können.

Eire Verlag: Gibt es ein bestimmtes Schreib-Ritual, das Ihnen hilft, zu arbeiten?

Janne Joonsen: Ich habe einen tollen Platz an einem Glastisch. Rechts liegen stapelweise Bücher auf einem Stuhl, links liegt der schlafende Hund, stehen Orchideen am Fenster und ein Klavier an der Wand. Mein Schreibritual: morgens vor der Arbeit und am Wochenende vorm Aufstehen … und nie ohne Kaffee.

Eire Verlag: Momentan gibt es eine Vielzahl an „True Crime“-Serien und -Filmen: Lassen Sie sich von realen Ereignissen und Menschen inspirieren?

Janne Joonsen: Bevor ich konkrete Ereignisse und Figuren im Kopf hatte, gab es die Idee über allem, sozusagen den Leitgedanken. Und der kann wirklich von überall her kommen, Fernsehen, Zeitungen, Situationen … Ein wirklicher Serientyp bin ich allerdings nicht, das ist so bindend.

Eire Verlag: Lesen Sie privat auch gerne Kriminal-Romane? Wenn ja, haben Sie Favoriten?

Janne Joonsen: Es sind nicht ausschließlich Krimis, aber überwiegend. Meistens gibt es nur einen Favoriten und der wechselt regelmäßig. Aktuell ist es „Fiona: Den Toten verpflichtet“ von Harry Bingham. Es hat eine psychologische Dimension und die finde ich in Krimis immer spannender als die Morde.

Eire Verlag: Das Ende des Krimis lässt noch einige interessante Fragen offen; planen Sie diese in einem zweiten Band zu beantworten und können Sie schon einen ersten Hinweis auf die Handlung geben?

Janne Joonsen: Jenna würde vielleicht nicht meine Freundin werden, aber sie ist faszinierend. Sie wäre es auf jeden Fall wert, ihren Hintergrund näher zu beleuchten …

Eire Verlag: Wann ist „Die Kälte der Teufel“ für Sie ein Erfolg?

Janne Joonsen: Wenn ich das Buch in einer Buchhandlung bestellen, zu Haus auf den Tisch legen und sagen kann: „Schau mal Schatz, deshalb musstest du mir so viel Kaffee kochen, Croissants und Schokolade kaufen …“

Die Fragen stellte Anna Helene Lemke

Janne Joonsen: Die Kälte der Teufel, Borchen 2019, ISBN 978-3-943380-92-7, 14,90€, Hier können Sie das Buch bestellen.

Mehr zu Janne Joonsen auf ihrer Website: www.jannejoonsen.de