Im Zuckerland

von Abigail Schniedermann, Salzkotten, 4.Klasse

Im Jahr 2060 lebten drei Drachenkinder Namens Milli, Lilo und Sissi. Sie spielen immer den ganzen Tag draußen. An dem Tag, es war ein 14. März, rief die Mutter: „Kinder, Mittagessen!“ Die drei Kinder gingen rein. Es gab Spiegelei mit Saft zu essen. Als die Kinder fertig gegessen hatten, sind sie wieder rausgegangen und haben weiter gespielt. Nach einer halben Stunde sagten die Eltern zu den Kindern: „Kinder wir gehen einkaufen.“ Die Kinder nickten alle drei.

Aber nach einer Weile waren die Eltern immer noch nicht zurück, da sagte Milli: „Kommt wir gehen sie suchen!“ Und so machten sie sich auf die Suche. Sie gingen und gingen bis sie an ein Schild kamen. Lilo sagte: „Zuckerland hört sich lecker an.“ Sie gingen in die Richtung wie der Wegweiser es gezeigt hatte.

Nach einer Zeit sahen sie das Zuckerland. Anstatt Bäume gab es dort Lollis. Alle drei Kinder dachten sie wären verrückt, das waren sie aber nicht. Sie liefen weiter den Süßigkeitenpfad entlang und kamen an ein Haus. Das Haus bestand aus Lebkuchen. Sissi rief: „Hallo, ist da wer?“ Eine alte Stimme antwortete: „Ja, wer seid ihr?“ Milli sagte: „Wir sind Milli, Lilo und Sissi.“ Ein alter Drache kam aus dem Haus. Lilo sagte: „Können sie uns helfen?“ Der alte Drache nickte und zeigte ihnen den Weg. Nach einer Weile sahen sie die Eltern und riefen: „Mama, Papa, da seid ihr ja!“ Sie rannten hin und fielen den Eltern in die Arme. Alle waren wieder fröhlich und gingen nach Hause.

Die Drachenbegegnung

von Alina Schuchart, Salzkotten, 4. Klasse

Es war einmal im Schloss Ardel eine Königin und ein König. Sie hießen Klarissa und Tomas. Sie hatten eine Tochter, sie hieß Prinzessin Rosela. Sie wollte immer nach draußen. Aber die Eltern erlaubten es nicht. Eines Tages gingen die Eltern von Rosela nach draußen. Sie sagten zu Rosela: „Rosela, wir sind im Garten.“ „Okay“, antwortete Rosela. Sie ging heimlich raus. Sie ging an einem schönen blauen Fluss vorbei und an einem kleinen, aber schönen Haus.

Dann ging sie an einer Höhle vorbei. Sie rief: „Hallo, Hallo, ist dort jemand?“ Auf einmal hörte sie ein Knurren. Sie ging vorsichtig in die Höhle und rief: „Wer ist da?“ Plötzlich kam ein Drache und Rosela schrie: „Ahh, ahh, helft mir!“ „Warum hast du Angst vor mir? Ich bin ein netter Drache“, fragte der Drache. „Nanu, du kannst sprechen und bist nett?“, wunderte sich Rosela. „Genau“, antwortete der Drache. Da fiel Rosela noch was ein: „Hey, kannst du fliegen?“ „Ja“, sprach der Drache. „Wollen wir fliegen?“, fragte der Drache. „Ja“, stimmte Rosela zu.

So flogen Rosela und der Drache bis Rosela ihre Eltern sah, die in Richtung Schloss gingen. Da sprang Rosela auf: „Meine Eltern, ich muss nach Hause. Wir fliegen morgen weiter. Tschüss!“ Sie lief ins Schloss, legte sich schnell ins Bett. Am nächsten Tag ging Rosela ohne zu fragen raus. Als sie bei der Höhle war, war der Drache schon flugbereit. Sie flogen zusammen zur Drachen-Eisdiele. Da fragte Rosela: „Wie heißt du eigentlich?“ „Ich heiße Funkus und du?“, antwortete der Drache. Rosela antwortete auch: „Ich heiße Rosela!“ Sie haben zusammen ein Eis gegessen. Für Funkus ein großes und für Rosela ein kleines.

Am Abend musste Rosela nach Hause. Als sie zu Hause war, fragte Königin Klarissa: „Rosela, wo warst du?“ Rosela antwortete: „Ach, wo ich war? Ich war bei, bei, bei einem Drachen.“ „Was? Rosela wie konntest du nur?“, staunte die Mutter. „Aber Mutter, er war ganz nett, er hieß Funkus und konnte sprechen“, versuchte Rosela zu erklären. „Ach so, Funkus, den kannte ich auch“, sagte die Mutter. Rosela fragte ganz nett: „Mutter, darf ich mit ihm befreundet bleiben?“ „Okay, aber nur unter einer Bedingung. Du wirst nie wieder ohne zu fragen weglaufen“, schlug die Mutter vor. „Okay“, antwortete Rosela. Und so waren Funkus und Rosela für immer Freunde.

Sigon – Abenteuer in Salzkotten

von Anke Ostwald-Meier, Salzkotten

An einem frostigen Herbstabend flog Sigon hinaus aus seiner Höhle. Bald würde er sich für den Rest der kalten Jahreszeit zurückziehen, um zu schlafen. Aber jetzt hatte der blaue Drache Hunger. Aufmerksam betrachtete er die umliegenden Berghänge und suchte nach Gämsen, Steinböcken oder Rehen, die sich aus den tiefer gelegenen Wäldern hierher verirrt hatten. Ein merkwürdiges Flimmern in der Luft erregte seine Aufmerksamkeit. Obwohl es vollkommen windstill war, führten einige der dünnen Schleierwolken, die fast die Spitzen der Berge berührten, eine Art Tanz auf. Sigon sah genauer hin. Die Wolken kreisten um ein kleines Loch in ihrer Mitte. Von dort stammte auch das flimmernde Licht. Alle Drachen sind neugierig und Sigon war da keine Ausnahme. Mit sanften Flügelschlägen glitt er auf die tanzenden Wolken zu und streckte seine rechte Klaue aus. In dem Moment, in dem seine Klaue das Loch berührte, wurde Sigon von einem hellen Lichtblitz geblendet. Er kniff die Augen zu und zog seine Klaue zurück, aber es war zu spät. Als er seine Augen wieder öffnete, stellte der blaue Drache erstaunt fest, dass sich die Landschaft um ihn herum verändert hatte. Anstatt auf hohe Berggipfel sah er nun auf eine sanft abfallende Ebene herunter. Er sah viele Felder, einige kleinere Orte und jede Menge Straßen, die das ganze Land durchzogen.

Sigon überlegte. Er hatte so eine Landschaft schon einmal gesehen, aber wo? Dann endlich fiel ihm ein, dass er vor vielen Jahren schon einmal durch ein magisches Tor in diese Welt gelangt war, die so ganz anders war, als seine eigene. Hier gab es viel mehr Städte und Menschen, merkwürdige fahrende Blechkisten, die Autos genannt wurden und sogar Vögel aus Blech. Wie hießen die noch gleich? Ach ja, Flugzeuge. In der Ferne spiegelte sich das Licht der untergehenden Sonne auf so einem Blechvogel, der gerade dabei war, zu landen. Sigon beobachtete das Flugzeug eine Weile, dann sah er sich erneut um. Gar nicht weit von dem gelandeten Flugzeug entfernt erhob sich eine riesige, dunkelrote Gestalt in die Luft. Mit kräftigen Flügelschlägen flog die Kreatur in Richtung Westen davon. Sigon war sich sicher, dass es sich nur um einen Drachen handeln konnte. Welches andere Wesen war so groß wie er selbst, hatte 3 Köpfe, lederne Schwingen und einen dornenbewehrten Schwanz? Langsam näherte sich Sigon dem Ort, an dem der andere Drache sich vor seinem Abflug aufgehalten haben musste. Dafür folgte er der Straße, die vom Flughafen zur nächstgelegenen kleinen Stadt führte. Ein winziges gelbes Schild kam in Sicht. Der blaue Drache hatte sehr scharfe Augen und konnte selbst aus der großen Höhe, in der er gerade flog, den Ortsnamen entziffern. Das Dorf hieß Upsprunge und gehörte zur Stadt Salzkotten. Suchend blickte sich Sigon um. Viele Verstecke für einen großen Drachen gab es hier nicht. Aber er wusste auch, dass besonders die Menschen oft nur das sahen, was sie auch sehen wollten.

Langsam wurde es dunkel und der blaue Drache landete auf einem großen, grasbewachsenen Platz mit komischen weißen Streifen, von dem aus er das Dorf gut überblicken konnte. Auch hier hatte der Herbst das Land schon fest im Griff und die Nachtluft war bitterkalt. Ein großer Mond ging auf und Sigon beobachtete die helle Kugel für eine Weile. Doch dann geschah etwas Seltsames. Ein dunkler, rötlich schimmernder Schatten schob sich von links oben kommend langsam über den vollen Mond. Nach weniger als einer Stunde hatte sich der ganze Mond rötlich gefärbt. Sigon hatte dieses Schauspiel schon oft in seiner eigenen Welt beobachtet und wusste, dass die Menschen den roten Mond den „Blutmond“ nannten. Um den Blutmond rankten sich viele Gruselgeschichten, die die Alten den vor Angst erstarrten Kindern abends am Lagerfeuer erzählten. Heute jedoch spiegelte sich der rote Mond nur im Wasser des Flusses, der durch das Dorf floss und beleuchtete auf eine fast magische Weise die kleine Bogenbrücke, die über ihn hinweg führte.

Auf einmal verlosch das rötliche Licht auf der Wasseroberfläche. Sigon blickte auf und sah, wie sich ein noch dunklerer Schatten vor den Mond schob. Der andere Drache kehrte zurück. Sigon duckte sich und beobachtete die Ankunft des dreiköpfigen Ungeheuers. Es flog auf ein kleines Quellgebiet zu, das sich fast direkt vor Sigons Nase befand. Der Drache landete im seichten Wasser des Quellteiches, streckte sich im Schlamm aus und legte seine drei Köpfe und seinen langen Schwanz in kleine Ausbuchtungen des Teiches, die wie für ihn geschaffen zu sein schienen. Innerhalb weniger Sekunden war der dunkle Drache nahezu vollständig mit seiner Umgebung verschmolzen und praktisch nicht mehr zu sehen. Ein blaues Leuchten breitete sich vom Körper des Drachen ausgehend aus, legte sich auf den Fluss und kroch auch unter die Bauernhäuser, unter denen ebenfalls Quellen zu liegen schienen. Sigon beobachtete das Geschehen noch eine Weile und bemerkte schließlich, dass der Wasserpegel im Teich und in dem Fluss, der von den Quellen gespeist wurde, langsam sank. Gegen Morgen war von dem recht schnell dahin fließenden Fluss nur ein kleines, trauriges Rinnsal übrig geblieben, in dessen tieferen Pfützen einige Fische mühsam versuchten, am Leben zu bleiben. Die Wasserpflanzen ließen ihre Blätter hängen und begannen bereits, im Licht der herbstlichen Morgensonne zu verwelken.

Entsetzt beobachtete der blaue Drache, wie das Leben, das dieser Fluss bislang gespendet hatte, langsam erstarb. Er erhob sich in die Luft und folgte dem Verlauf des Flussbettes bis er an ein großes, hölzernes Wasserrad kam. Hier gab es ein Wehr, das den Fluss noch immer ein wenig aufstaute. Er flog weiter, bis er eine Burgruine erreichte, die von einem Wassergraben umgeben war. Auch hier war der Wasserstand bereits deutlich zurückgegangen. Traurig schaute Sigon sich um und fragte sich, was er tun konnte, um den Fluss und seine Bewohner zu retten. Ein Schimmern in der Luft lenkte ihn von seinen Betrachtungen ab. Die schimmernde Luft erhob sich aus den Ruinen der Burg und kam auf ihn zu. Sigon sah genauer hin. Irgendwie erinnerte ihn die Form dieser Erscheinung an einen Drachen. Er hatte noch nie einen durchsichtigen Drachen gesehen, hatte aber davon gehört, dass es solche Wesen geben sollte. Der Drache landete neben ihm und von Sekunde zu Sekunde konnte Sigon ihn besser erkennen. Es kam ihm so vor, als ob er durch einen riesigen wasserblauen Kristall hindurch auf die umgebende Landschaft blickte.

Der Kristalldrache lachte leise, als er den verblüfften Blick des blauen Drachen sah. Mit einer tiefen Stimme, die Sigon diesem Wesen niemals zugetraut hätte, sagte er: „Ein blauer Drache, wie schön. Verrate mir doch deinen Namen, mein Freund.“ Sigon zuckte zusammen, dann gab er sich einen Ruck. „Mein Name ist Sigon. Ich bin gestern durch ein magisches Tor in diese Welt gelangt und habe in den wenigen Stunden, die ich jetzt hier bin, schon einige merkwürdige Dinge erlebt.“

Der Kristalldrache lachte erneut, aber dieses Mal klang sein Lachen nicht fröhlich. „Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich bin übrigens Theo, einer der wenigen noch lebenden Kristalldrachen. Es gibt nur noch fünf von uns, auf jedem der Kontinente einen. Und Fire, der rote Drache, dem du wahrscheinlich schon begegnet bist, setzt alles daran, um mich zu töten. Irgendwann wird er auch den letzten Kristalldrachen besiegt haben.“ Mit einem tiefen Seufzer beendete Theo seine Erzählung und starrte traurig auf den Fluss.

„Aber warum muss er dafür den Fluss austrocknen?“, rief Sigon erschrocken. Er merkte sofort, dass sich diese Frage für Theo komisch anhören musste und ergänzte: „Kann ich irgendetwas tun, um dir zu helfen?“

„Ich weiß es nicht“, murmelte Theo bedrückt.

„Ich werde es auf jeden Fall versuchen“, sagte Sigon entschlossen. „Erzähl mir doch ein wenig mehr von dir, Theo.“

Der Kristalldrache seufzte erneut. „Ich habe dir ja schon erzählt, dass es nur noch wenige Drachen meiner Art gibt. Wir können nur an ganz besonderen, magischen Orten leben.“

„Ist diese Burg so ein Ort?“, wollte Sigon wissen.

„Nein. Es ist der Fluss. Er wird Heder genannt. Die Burg hier heißt Vernaburg und ist schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr bewohnbar. Aber der Platz dort zwischen den Mauerresten des Haupthauses ist ein ideales Versteck für einen beinahe unsichtbaren Drachen wie ich es bin.“

„Vorhin warst du fast unsichtbar“, überlegte Sigon laut, „aber jetzt kann ich doch schon recht gut erkennen. Kannst du dich selbst unsichtbar machen?“

„So einfach ist es leider nicht. Ich benötige das Wasser der Heder, um unsichtbar zu werden. Die Heder ist einer dieser magischen Flüsse, die es nur an wenigen Orten auf der Welt gibt. Ohne mein tägliches Bad im Fluss werde ich sichtbar und damit auch angreifbar. Die Natur hat mir leider nicht die Fähigkeit verliehen, Feuer zu spucken. Ich bin also ein leichtes Opfer für Drachen wie Fire.“

Sigon runzelte die Stirn. „Was genau macht denn die Magie der Heder aus? Für mich hat sie gestern Abend noch wie jeder andere kleine Fluss ausgesehen. Gut, es gibt diese Quellteiche in Upsprunge, aber das ist doch nicht wirklich etwas Besonderes.“

„Das ist so nicht ganz richtig“, belehrte ihn Theo. „Das Wasser der Heder stammt zu einem großen Teil aus einem anderen Fluss in der Umgebung, der Alme. In Büren, einer Nachbarstadt Salzkottens, sieht sie aus wie jeder andere Fluss auch. Fliegst du aber weiter in Richtung Wewelsburg“, Theo deutete mit einer Klaue vage nach Südosten, „dann ist die Alme plötzlich verschwunden. Das passiert besonders im Sommer, wenn es nicht viel regnet. Dieses ganze Gebiet hier besteht aus Kalkstein. Es gibt große und tiefe Löcher im Flussbett, von denen niemand weiß, wo sie genau hinführen. Ein Teil der Alme sucht sich seinen Weg durch den Kalkstein. Und irgendwo dort im Berg muss es eine Schicht aus magischem Gestein geben, über die der Fluss hinwegfließt. Das mit Magie aufgeladene Wasser kommt in Upsprunge wieder an die Oberfläche. Das sind die Quellteiche, die du ja schon gesehen hast. Diese Magie, die das Wasser an manchen Tagen so herrlich grün schimmern lässt, macht mich unsichtbar. Und jetzt ist die Heder schon fast ausgetrocknet und kann mich nicht mehr schützen. Es wird nicht lange dauern, bis dieses Scheusal hier auftaucht, um mich zu jagen und zu töten.“ Die aquamarinblauen Augen des Kristalldrachen leuchteten wie Edelsteine, als er Sigon traurig ansah.

In Sigon machte sich eine unbestimmte Wut breit. Der blaue Drache hatte durchaus Erfahrung im Kampf gegen andere Drachen. Einem Gegner mit drei Köpfen hatte er aber auch noch nicht gegenüber gestanden. Aber er konnte Theo nicht einfach seinem Schicksal überlassen. „Lass mich einen Moment nachdenken“, sagte er schnell. Dann schloss er die Augen. In seinem Kopf formten sich schnell wechselnde Bilder. Er beobachtete Fire, wie er sich in den Schlamm legte und die Quellen verschloss. Er sah die Burg, in der Theo lebte und folgte anschließend dem Verlauf des Flusses von der Burg bis zu den Quellen. „Wenn ich Fire von den Quellen weglocken kann, dann kann doch die Heder wieder frei fließen, oder?“, wollte Sigon von Theo wissen.

„Wahrscheinlich schon. Aber es dauert, bis genügend Wasser im Fluss ist, damit ich darin baden kann. Die Zeit wird Fire reichen, um mich zu finden.“

„Du musst dich verstecken, Theo. Nicht in der Burg, sondern an einem anderen Ort, an dem Fire dich nicht vermutet. Ich werde hier auf den roten Drachen warten und ihn so lange ablenken, bis du wieder unsichtbar bist. Dann müssen wir gemeinsam gegen ihn kämpfen.“

„Wie soll das gehen?“, jammerte der Kristalldrache. „Ich kann nicht kämpfen!“

„Doch, das kannst du bestimmt. Du kannst kein Feuer spucken, aber du kannst ihn mit deinen Klauen angreifen und festhalten, während ich Fire auf meine Weise bekämpfe. Zwei Gegner, von denen einer unsichtbar ist, werden dem roten Drachen bestimmt ganz schön zu schaffen machen.“

„Gut und schön, aber bitte sei dir im Klaren darüber, dass es nicht reicht, wenn wir Fire nur in die Flucht schlagen. Er kommt wieder, sobald hier etwas Ruhe eingekehrt ist. Wir müssen ihn töten, sonst hat das Ganze keinen Zweck.“

Sigon nickte, seine Gedanken rasten. „Jetzt müssen wir erst einmal in gutes Versteck für dich finden. Hast du eine Idee?“

„In Salzkotten gibt es noch eine Burg mit Burgraben. Man nennt sie die Dreckburg. Es soll dort spuken, habe ich gehört. Ein Gespenst habe ich aber noch nie zu Gesicht bekommen.“ Theo kicherte, wurde aber schnell wieder ernst. „Ich könnte mich in dem Burggraben verstecken.“

„Kannst du von dort den Wasserstand der Heder im Blick behalten?“, wollte Sigon wissen.

„Nein, das geht nicht.“

„Dann brauchen wir ein anderes Versteck“, entschied Sigon und blickte Theo erwartungsvoll an.

„Da bleibt nicht viel. Die Heder fließt durch Salzkotten und anschließend durch offene Felder, da kann man sich nirgendwo verstecken. Aber warte mal, in der Nähe des großen Supermarktes gibt es ein paar hohe Bäume und eine Eisenbahnbrücke, die über den Fluss führt. Ich könnte mich unter der Brücke verstecken.“

Für einen Moment fragte Sigon sich, was um alles in der Welt denn eine Eisenbahn war, aber dann fiel es ihm wieder ein. Das war noch so ein Ding aus Blech, das auf großen Rädern durch die Landschaft brauste. Aber es brauchte dafür keine Straßen, sondern nur zwei unendlich lange Stangen aus Eisen, die man Schienen nannte. Als er das erste Mal so ein qualmendes und tutendes Ungetüm gesehen hatte, hätte er es fast mit einem heranrasenden Drachen verwechselt Völlig perplex hatte er vergessen, mit den Flügeln zu schlagen und wäre beinahe vom Himmel gefallen. Bei dem Gedanken musste er unwillkürlich grinsen. Theo sah ihn verwundert an.

„Das ist eine gute Idee“, antwortete Sigon schnell. „Ein besseres Versteck werden wir in der Eile wohl auch nicht finden.“ Mit großer Besorgnis bemerkte er, dass die Heder nun auch hier an der Vernaburg kaum mehr als ein Rinnsal war. „Du solltest keine Zeit mehr verschwenden“, riet er dem Kristalldrachen und deutete auf den kümmerlichen Rest des Flusses.

Theo nickte und erhob sich in die Luft. „Ich komme wieder hierher zur Burg, sobald der Fluss am Wehr in der Stadt so tief ist, dass ich darin baden kann“, rief er Sigon zum Abschied zu. Dann war er auch schon verschwunden. Nur ein Flimmern in der Luft verriet Sigon, wo sich der Kristalldrache gerade befand. Er sah sich um. Er benötigte ebenfalls ein Versteck, um dem dunklen Drachen die eine oder andere Überraschung zu bereiten. Sigon entschied sich für ein kleines Wäldchen, von dem aus er die Burg im Auge behalten konnte. Was ihn noch immer verwunderte war, dass keiner der vielen Menschen, die in ihren rollenden Blechkisten in der Nähe der Burg unterwegs waren, etwas von seinem Treffen mit Theo bemerkt hatten. Konnten sie so blind sein? Oder gab es in ihren Vorstellungen einfach keinen Platz für Drachen? Sigon rechnete jeden Moment mit dem Erscheinen des roten Drachen, doch Fire ließ sich bis zum frühen Abend Zeit. Es dämmerte schon, als er über den Feldern, die das Ufer der Heder säumten, auftauchte. Die Heder war mittlerweile völlig versiegt.

Mit einem siegesgewissen Grinsen flog der dreiköpfige Drache auf die Burg zu. „Komm raus aus deiner Ruine, Theo“, brüllte er, „und kämpfe mit mir. Dann stirbst du wenigstens einen ehrenhaften Tod.“ Als sich in der Burg nichts rührte, begann Fire damit, seinen Feuermagen vorzuglühen. Hellrot leuchtete die Brust des riesigen Drachen, bevor er einen beeindruckenden, blau leuchtenden Feuerball ausspie, der in der Mitte der Ruine einschlug. Doch nichts geschah. Entgeistert stellte Fire fest, dass sich seine sicher geglaubte Beute nicht in seinem Versteck aufhielt. Er landete in der Nähe der brennenden Mauerresten und sah sich um. „Ich werde dich finden, du verdammter Kristalldrache. Du bist nicht mehr unsichtbar, dass weiß ich genau. Also komm raus und kämpfe!“, brüllte der mittlere der drei Köpfe. Mit den anderen beiden Köpfen beobachtete Fire die Umgebung. Ein wenig links von ihm ertönte kurz das Rauschen ledriger Drachenschwingen, dann war es wieder still.

Der rote Drache runzelte die Stirn. Ledrige Drachenschwingen? Bei einem Kistalldrachen? Fire dachte angestrengt nach. Woraus bestanden eigentlich die Flügel eines solchen Wesens? War Theo eigentlich ein ganz normaler Drache, der nur durch die Magie des Wassers unsichtbar wurde? Fire wusste auf all diese Fragen keine Antwort. Er würde sich irgendwann einmal damit beschäftigen, wenn er auch den letzten dieser nutzlosen Drachen zur Strecke gebracht hatte. Jetzt hatte er keine Zeit für derartige philosophische Betrachtungen. Wieder rauschten die Drachenschwingen in der Luft und der rote Drache bemerkte einen großen Schatten, der sich vor dem dunkler werdenden Himmel abzeichnete. Nur Sekunden später war dieser Schatten verschwunden. In der Ferne ertönen Sirenen die immer näher kamen. Verdammt, das war wieder diese Feuerwehr mit ihren grellroten Autos mit den hektisch blinken Lichtern. Irgendein dummer Mensch hatte bestimmt den Feuerball und die Flammen gesehen, die aus der Ruine schlugen. Fluchend erhob sich Fire in die Luft und zog sich auf eine Weide zurück, von der aus er das Geschehen an der Burg beobachten konnte. Netterweise gab es hier ein paar Kühe, die sich beim Anblick des dunklen Ungeheuers verängstigt in einer Ecke der Weide zusammendrängten. Fire wollte sich schon mit jeder Klaue eine Kuh greifen, überlegte es sich im letzten Moment aber noch einmal anders. Er war auf der Jagd nach größerer Beute. Jetzt musste er diese nur noch finden.

Die Feuerwehrleute hatten mittlerweile die Burg erreicht und rollten ihre Schläuche aus. Laute Befehle wurden gebrüllt, es zischte und dampfte, als der erste Wasserstrahl auf die lodernden Flammen traf. Von dort drohte Fire keine Gefahr. Er wandte sich ab und suchte den Nachthimmel ab. Ein Rauschen in der Luft ließ ihn herumfahren. Nicht weit von ihm entfernt befand sich ein anderer Drache, der ihn mit goldglänzenden Augen spöttisch ansah. „Hallo Fire“, rief der fremde Drache. „Ich dachte, du wärst dabei, mich zu jagen. Aber offensichtlich gefällt dir der Anblick des Feuers dort drüben besser.“

Der dreiköpfige Drache brüllte auf und versuchte sich an einer möglichst beeindruckenden Antwort. Er dachte gar nicht daran, dass Theos Augen aquamarinblau waren, während die seines jetzigen Gegners wie Gold glänzten. „Na warte, du Feigling“, brüllte er und erhob sich in die Luft. “Ich werde dich kriegen, Theo, und dann werden dir deine dummen Sprüche schon vergehen.“

Der andere Drache lachte, wendete und flog ohne besondere Eile davon. Fire brauchte ein paar Sekunden, um sich von der frechen Antwort seines Gegners zu erholen. Dann sprang er regelrecht in die Luft und nahm die Verfolgung auf. Doch der andere Drache war verschwunden. Hektisch blickte Fire sich um. Jeder seiner drei Köpfe blickte in eine andere Richtung. Er überflog ein paar Felder und ein Wäldchen, seinen Gegner aber konnte er nicht entdecken. Er flog noch bis zum übernächsten Ort, dann machte er kehrt. Theo musste sich in dem Wäldchen versteckt halten, das konnte gar nicht anders sein. Fire pumpte seinen Feuermagen auf und ließ einen blauen Feuerstrahl über die Bäume hinweggleiten. Es dauerte nicht lange, bis der ganze Wald lichterloh brannte. Die Feuerwehrleute würden heute Nacht noch einiges zu tun bekommen, dachte er schadenfroh. Aber wo war Theo? Der Kristalldrache konnte keine Hitze vertragen. Er hätte längst vor den Flammen fliehen müssen. Ratlos und mit einer stetig steigenden Wut im Bauch starrte Fire auf den brennenden Wald. Er achtete genauestens darauf, ja nicht mit den immer wieder in die Höhe schießenden Flammen in Berührung zu kommen. Niemand durfte erfahren, dass er nicht einfach durch ein Feuer hindurchfliegen konnte, sondern nur darüber hinweg oder darum herum.

Sigon hatte damit gerechnet, dass der dreiköpfige Drache nicht weit fliegen würde. Fast lautlos hatte er sich aus dem Schatten des Wäldchens, an dessen Rand er sich versteckt hielt, erhoben und war in die entgegengesetzte Richtung geflogen. Hinter einigen hohen Bäumen, die um einen kleinen Park herum standen, war er gelandet und sah zu, wie Fire sein vorheriges Versteck in Brand setzte. Das war nicht schön, aber es verschaffte Theo hoffentlich die Zeit, die er brauchte, um wieder unsichtbar zu werden. Von überall her ertönten nun Sirenen. Sigon fiel ein, dass er sich ja mit Theo an der Burg treffen wollte, um gemeinsam mit ihm gegen Fire zu kämpfen. Der Lärm der Feuerwehren und der Flammen würde hoffentlich das Rauschen der Drachenschwingen und das Kampfgeschrei ihrer Besitzer übertönen. Plötzlich stutze Sigon. Er hatte schon gegen viele Drachen gekämpft und war mit Feuerstößen in verschiedenen Farben in Berührung gekommen. Aber blaues Feuer hatte er noch nie gesehen. Das musste etwas zu bedeuten haben. Angestrengt versuchte Sigon sich an alles zu erinnern, was er über Fire wusste. Viel war es nicht. Fire war groß, hatte drei Köpfe, dunkelrote Schuppen und, das war das erstaunliche bei einem dunklen Drachen, schien sich im Wasser wohl zu fühlen. Sigon nahm sich vor, diesen Gedanken später weiterzuverfolgen. Aber jetzt musste er sich erst einmal mit Theo treffen.

Theo hatte Stunde um Stunde unter der Eisenbahnbrücke ausgeharrt. Er hatte sich soweit wie möglich in die Schatten zurückgezogen, um nicht von den gelegentlich vorbeikommenden Spaziergängern entdeckt zu werden. Traurig starrte er auf das ausgetrocknete Flussbett der Heder, in das er sich gehockt hatte. Ein paar kleinere Rinnsale suchten sich einen Weg um seine Krallen herum. Theo blickte erfreut auf. Das Wasser kam zurück, langsam noch und zögerlich. Aber es kam. Nur wenige Minuten später standen seine Klauen komplett im Wasser. Immer schneller und mit immer größerer Kraft eroberte sich die Heder ihr Flussbett zurück. Der Kristalldrache wartete nicht länger. Vor dem Wehr, in der Nähe des alten Stadttores, musste schon genügend Wasser vorhanden sein, damit er darin untertauchen konnte. Und so war es auch. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ sich Theo in das magische Wasser gleiten. Sein ganzer Körper begann zu kribbeln und der Kristalldrache wusste, dass er endlich wieder unsichtbar war. Er planschte noch ein paar Minuten in dem recht kalten Wasser herum, tauchte noch ein letztes Mal vollständig unter, dann machte er sich auf den Rückweg zu seiner Burg. Er hatte das Geheul der Sirenen gehört und ahnte bereits, dass Fire die Vernaburg in Brand gesetzt hatte. Über Verne zogen dichte Rauchschwaden hinweg. Als er näher kam, bemerkte Theo, dass auch ein Wäldchen in der Nähe ein Opfer der Flammen geworden war. Aber die Feuerwehrmänner leisteten ganze Arbeit. Der Brand in der Burg war schon gelöscht und aus dem Wäldchen schlugen ebenfalls keine größeren Flammen mehr heraus. Die verkohlten Bäume glühten noch und beleuchteten die Nacht. Theo flog einen Kreis und suchte nach seinem blauen Freund. Eine Bewegung links von ihm erregte seine Aufmerksamkeit. Sigon hockte in einem kleinen Park und starrte angestrengt in die Dunkelheit.

Theo landete neben ihm und flüsterte. „Ich bin hier, Sigon.“

Der blaue Drache fuhr herum. „Theo? Bist du das? Du hast mich vielleicht erschreckt. Du hast es geschafft, nicht wahr?

„Ja, ich bin wieder unsichtbar. Wo ist Fire?“

„Er sucht nach dir. Lass uns zur Burg fliegen und dort auf ihn warten. Er glaubt noch immer, dass ich du bin.“ Sigon kicherte bei dem Gedanken an das gelungene Ablenkungsmanöver. Dann fiel ihm wieder ein, dass er ja mehr über Fire herausfinden wollte. „Sag mal, Theo, was für ein Drache ist Fire eigentlich?“

„Einer der großen roten Feuerdrachen natürlich. Warum willst du das wissen?“

„Weil ich noch nie von Feuerdrachen gehört habe, die sich im Wasser und im Schlamm wohl fühlen. Feuerdrachen bevorzugen eher glühende Lavaseen als Quellteiche.“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber du könntest Recht haben.“ Theo betrachtete Sigon neugierig, aber leider konnte sein Freund das nicht sehen.

„Wir sollten ein Experiment machen“, murmelte Sigon nachdenklich. „Wir müssen Fire dazu bringen, noch ein Stück Wald in Brand zu setzen.“

„Und dann?“

„Dann werden wir gemeinsam versuchen, Fire mit seinem eigenen Feuer in Berührung zu bringen. Deine Aufgabe ist es, ihn zu verwirren und immer wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich werde versuchen, auf ihm zu landen und ihn herunterzudrücken. Mal sehen, was dann passiert.“

Theo verstand nicht genau, worauf Sigon hinaus wollte, aber er stimmte dem Plan trotzdem begeistert zu. Er war nervös, ja er hatte sogar ein wenig Angst vor dem riesigen Ungeheuer und der Gefahr, die das Feuer für ihn darstellte. Aber er war entschlossen, nicht nur dabei zuzusehen, wie Sigon für ihn in die Schlacht zog.

 

Die meisten Feuerwehrleute hatten sich schon aus der Burg zurückgezogen, nur eine Brandwache war zurückgeblieben. Sigon suchte den dunklen, rauchgeschwängerten Himmel ab. Fast zu spät bemerkte er den dunklen Schatten, der sich aus Norden näherte. Fire zögerte nicht lange. Er fuhr seine Krallen aus und griff den blauen Drachen an. Für Fire stand fest, dass es sich nur um Theo handeln konnte. Und ein sichtbarer Theo stellte eine leichte Beute dar. Doch Sigon war ein kampferprobter Drache, der sich nicht so leicht überrumpeln ließ. Elegant duckte er sich unter den messerscharfen Krallen seines Gegners weg, drehte sich einmal um seine eigene Achse und schoss hinter dem wutschnaubenden Fire wieder in die Höhe. Der rote Drache bog einen seiner Hälse nach hinten und starrte ihn mit zornglühenden Augen an.

„Jetzt bist du geliefert, Theo!“, brüllte er und warf sich herum. Sein Gegner dachte nicht daran, sich zu stellen und flog hastig davon. Fire schickte ihm einen Feuerball hinterher, aber dieser verglühte wirkungslos in der kalten Nachtluft. Mit kräftigen Flügelschlägen machte er sich an die Verfolgung.

 

Theo hatte das Geschehen aus nächster Nähe verfolgt. Lautlos und unsichtbar folgte er den beiden größeren Drachen. Sigon sah sich immer wieder nach dem roten Drachen um. Er steuerte auf ein Waldstück westlich von Verne zu. Theo bemerkte, dass sein Freund langsamer wurde. Er wollte wohl, dass Fire ihn in der Nähe des Waldes einholte. Der rote Drache brauste heran, brachte seinen Feuermagen zum Glühen und begann damit, einen Feuerball nach dem anderen zu spucken. Sigon duckte sich erst unter zweien hinweg, danach musste er ruckartig in die Höhe steigen, um im nächsten Moment fast im freien Fall nach unten zu sinken. Einer der blauen Feuerbälle streifte sein linkes Bein und ein stechender Schmerz durchzuckte ihn. Aber er hatte sein Ziel erreicht. Die anderen Feuerbälle schlugen in den Wald ein, der sofort zu brennen begann. Sigon wartete noch einen Moment, bis die ersten Flammen aus den Baumkronen in die Höhe schlugen, dann wandte er sich wieder dem roten Drachen zu. Fire hatte seine drei Hälse nach vorne gereckt und starrte Sigon mit seinen sechs Augen drohend an. Aber der blaue Drache ließ sich nicht einschüchtern. Er schoss nach vorne und versuchte, sich mit seinen vier Klauen auf alle drei Köpfe gleichzeitig zu stürzen. Fire gelang es, den linken Kopf wegzuziehen, bevor Sigon zupacken konnte. Heißes Feuer durchfuhr Sigon, als Fire mit diesem Kopf einen weiteren Flammenstrahl ausspie. Er öffnete erneut das Maul und Sigon blickte hinein. Zwischen den messerscharfen Zähnen formte sich noch ein Feuerball. Doch plötzlich wurde dieser Kopf herumgerissen und Fire musste husten und würgen. Er verschluckte sich beinahe an seinem eigenen Feuer und konnte nur mit Mühe verhindern, dass der Feuerball in seinem Hals explodierte.

 

In diesem Moment begriff der rote Drache, dass er es mit zwei Gegnern zu tun hatte. Irgendwie musste es Theo gelungen sein, wieder unsichtbar zu werden. Aber woher kam der zweite Drache? Fire nahm sich endlich, leider aber viel zu spät, die Zeit, sich seinen Gegner genauer anzusehen. Der Drache hatte blaue Schuppen und goldene Augen und sah Theo nicht im Geringsten ähnlich. Fire hätte sich am liebsten selbst mit seinem Dornenschwanz geschlagen. Wie hatte er nur so blind sein können? Diese kurze Verschnaufpause, in der Fire sich nicht gegen Sigon und Theo zur Wehr setzte, nutzen die beiden gnadenlos aus. Sie verstanden sich blind, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, als gemeinsam gegen einen der dunklen Drachen zu kämpfen. Sigon sprang kurz in die Luft, um dann mit seinem ganzen Gewicht und einem lauten Knall auf Fires Rücken und seinem linken Flügel zu landen. Theo klammerte sich an der Zwischenzeit an dem einen Kopf fest, den er schon vorher attackiert hatte. Er riss den Kopf mit aller Gewalt nach links und der rote Drache bekam Schlagseite. Sigon verlagerte sein Gewicht weiter in Richtung des Flügels und Fire geriet ins Trudeln. Sigon sprang erneut in die Luft und landete dann komplett auf dem linken Flügel seines Gegners. Der rote Drache brüllte wütend, fauchte und spie seine blauen Flammen gegen seine beiden Peiniger, aber es war zu spät. Theo erkannte, dass Fire sich nicht mehr halten konnte und in den brennenden Wald stürzen würde. Er ließ den Kopf los und brachte sich mit ein paar beherzten Flügelschlägen in Sicherheit. Sigon wartete noch eine Sekunden, weil er sicher gehen wollte, dass Fire auch wirklich abstürzte. Dann ließ auch er seinen Gegner los. Als er sich von dem roten Drachen abstieß, umschlossen bereits die ersten Flammen der lichterloh brennenden Baumkronen dessen Klauen.

Fire brüllte noch lauter, doch dieses Mal konnten Sigon und Theo nicht nur Wut, sondern auch Schmerz aus seinem Gebrüll heraushören. Sie sahen mit an, wie der rote Drache hilflos auf die brennenden Bäume krachte und schließlich auf dem Boden des Waldes aufschlug. Fires Körper war nun vollständig in blaue Flammen gehüllt. Er brüllte nicht mehr und rührte sich auch nicht.

 

„Sieh nur, Theo!“, rief Sigon erstaunt und entsetzt zugleich und deutete auf den brennenden Drachen. „Fire kann kein Feuerdrache sein. Wenn es so wäre, müsste er das Feuer über alles lieben. Die Schuppen eines Feuerdrachen sind gegen Feuer immun, besonders natürlich gegen sein eigenes.“

Theo nickte zuerst nur, was Sigon aber ja nicht sehen konnte. Er war froh, dass von Fire keine Gefahr mehr ausging, aber er hätte sich doch gewünscht, dass das Ende seines Gegners etwas weniger schrecklich gewesen wäre.

„Theo?“, erklang Sigons fragende Stimme neben ihm.

Der Kristalldrache räusperte sich: „Ja, du hast wohl recht. Aber was für ein Drache war er dann?“

„Ich weiß es nicht, mein Freund“, antwortete Sigon. Er starrte noch immer wie gebannt auf die Szene tief unter ihnen. Das blaue Feuer breitete sich nicht weiter über den Waldboden aus. Im Gegenteil, der brennende Wald verlöschte nach und nach und die Flammen, die eben noch munter an einem Baum hochgeschlagen waren, wanderten auf Fire zu. Nach einer Weile brannte nur noch der Drache. Plötzlich gab es einen lauten Knall, blaue Funken flogen durch die Luft und das Feuer knisterte ein paar Sekunden lang noch lauter als zuvor. Nur wenige Minuten später war das Feuer fast verschwunden. Stille breitete sich in dem verbrannten Wald aus.

„Das glaube ich jetzt nicht“, rief Sigon, als er sah, was das Feuer von dem roten Drachen übrig gelassen hatte. „Was geht hier vor?“

Auf einem Haufen aus rot glühender Asche lagen sieben bläulich schimmernde Eier, in denen sich kleine dunkle Schatten bewegten.

Theo begann auf einmal zu lachen. „Ich glaube, ich habe es verstanden, Sigon. Das dort sind die Eier eines Kristalldrachen. Ich habe bislang nur davon gehört und nie selbst eines zu Gesicht bekommen. Fire hat sieben Kristalldrachen getötet und nun liegen dort sieben Eier. Er ist nicht tot, er hat sich nur verwandelt.“

„Sein eigenes Feuer hat ihn verwandelt“, flüsterte Sigon und blickte gerührt auf die Eier mit den kleinen, noch unfertigen Drachenbabies hinab. „Dann hast du ja jetzt eine Menge Arbeit vor dir, Theo. Die Eier müssen warm gehalten und die jungen Drachen versorgt werden, sobald sie geschlüpft sind.“

„Ja, und auf der Welt wird es endlich wieder neue Kristalldrachen geben. Das ist einfach wunderbar. Lass uns landen, ich möchte mir die Eier aus der Nähe ansehen.“

„Geh nur, mein Freund“, sagte Sigon und blickte hinauf in den Himmel. Es dämmerte und der blaue Drache konnte einige Wolken dabei beobachten, wie sie um einen schillernden Fleck in ihrer Mitte tanzten. „Ich möchte zurück in meine Welt. Wenn sich in meiner Nähe mal wieder ein Portal öffnet, komme ich dich aber gerne besuchen.“

Theo sah noch immer auf die Eier herab, lächelte glücklich und vergaß beinahe, sich von Sigon zu verabschieden. Im letzten Moment brüllte er ihm noch ein „Auf Wiedersehen und hab vielen Dank“ hinterher. Dann war der blaue Drache zwischen den wirbelnden Wolken verschwunden.

 

Sigon versuchte, die flackernden Lichtpunkte vor seinen Augen zu verscheuchen. Als er wieder richtig sehen konnte, sah er sich noch einmal um. Aber da war nichts. Keine tanzenden Wolken, kein schimmerndes Licht und natürlich auch kein Theo. Dafür sah er die ihm so vertrauten Gipfel der Grünen Berge. Die Erinnerung an das zurückliegende Abenteuer in der fremden Welt begann bereits zu verblassen. Hier war sehr starke Magie am Werk, dachte Sigon. Unter ihm weidete eine Herde Rehe auf einer für die Jahreszeit noch saftig grünen Bergwiese. Der blaue Drache zögerte nicht länger und begab sich endlich auf die Jagd. Der Winter nahte und er wollte und musste sich vorher noch einmal richtig satt fressen.

 

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