Interview mit Birgit Hucker

EireVerlag: Liebe Frau Hucker, erzählen Sie uns etwas über „Schön war’s: all went well“ – Sie haben die Gedichte Ihres Ehemannes Wilhelm Hucker gesammelt und posthum veröffentlicht. Einige kurze Worte zu Themen, Stimmung, Gefühl beim Lesen? Was erwartet die Leser*innen, wenn sie das Buch aufschlagen und anfangen zu lesen?

Birgit Hucker: Zunächst wird man in die Faszination einer Ausstellung im Folkwang Museum Monet bis Picasso in Essen 1994 geführt, die wir ganz am Anfang unserer Beziehung besucht haben.
Im Weiteren werden wir in die verschiedensten Situationen s/eines Lebens eintauchen. Wilhelm hat präzise und schnörkellos die Dinge auf den Punkt gebracht. Die Leser*innen erwartet eine Reise durch das Leben zu den Themen Verliebtsein, Liebe, Beziehung, Statements zum Leben, zur Arbeit. In einem Kapitel geht es um Krankheit und zum Schluss geht es um den Tod, also ein/sein ganzes Leben. Ich sage bewusst seines/eines Lebens, weil man sich vielleicht in einigen oder auch vielen Gefühlen wiedererkennt.

EireVerlag: Erzählen Sie uns etwas über die Zeit, bevor das Buch veröffentlicht wurde: Wie kam es dazu, dass Sie sich für eine Veröffentlichung entschieden haben?

Birgit Hucker: Wilhelm hatte eine große Gedichtsammlung hinterlassen, und es gab schon einmal die Idee, etwas zu veröffentlichen: 1997 hatte er selbst die Idee dazu, mit dem Titel „Es treibt ein Gefühl, eine Gedichtsammlung von Wilhelm Hucker“. Das Manuskript existiert noch.  Wir haben damals jedoch keinen Verlag gefunden, deshalb ist es nicht dazu gekommen. Nach Wilhelms Tod 2014 habe ich mich erneut entschlossen, die Gedichte zu veröffentlichen, da ich nach Durchsicht der Gedichtsammlung eine qualitative Steigerung seines Schreibens entdeckte. Wilhelm hat uns etwas Kostbares hinterlassen, was für eine größere Leserschaft zugänglich gemacht werden musste. Ich dachte, es sollte eine besondere, nämlich deutsch/englische Version geben. Zunächst war die englische Übersetzung für Wilhelms Cousine und ihren Ehemann in Schottland gedacht, und dann kam die Idee, das Buch grundsätzlich für eine internationale Zielgruppe auch in Deutschland zu erweitern.

EireVerlag: Wie war der Auswahlprozess für das fertige Buch? Haben Sie alleine entschieden, was ins Buch kommt, oder gab es weitere Stimmen, vielleicht Wünsche des Verstorbenen, die Sie erfüllen wollten?

Birgit Hucker: Natürlich gab es schon eine gewisse Vor-Auswahl durch das Manuskript von 1997, und tatsächlich hat Wilhelm auch bei bestimmten Gedichten dokumentiert, dass sie privat bleiben sollen. Ich habe ganz allein die gesamte Sammlung durchgesehen und ausgewählt. Natürlich wollte ich Wilhelm den Wunsch erfüllen, seine Gedichte in einem Buch zu veröffentlichen. Es hat drei Jahre gedauert, bis es zur endgültigen Bucherscheinung kam. Besonders die Übersetzungen haben viel Zeit in Anspruch genommen. Der Hauptteil der Übersetzungen lief per Internet zwischen Wilhelms angeheiratetem Cousin Rannoch aus Schottland und mir. Ich liebe Großbritannien und die englische Sprache und habe auch viel Freude an den Übersetzungen gehabt. Evelyn (Wilhelms Cousine) und ihr Mann Rannoch sind später nochmal zu mir gekommen, um die Lücken wegen des Verstehens/Missverstehens, die wir noch diskutieren mussten, um präzise Wilhelms Intention wiederzugeben, zu vervollständigen. Die letzten Abrundungen hat Mareike Menne vom Eire Verlag vorgenommen.

EireVerlag: Das Cover zeigt ein sehr schönes Foto in Schwarz-Weiß – Wilhelm Hucker beim Lesen in einem Garten. Was sagt uns diese Momentaufnahme über den Dichter? Wann ist es entstanden?

Birgit Hucker: Ja, das ist Wilhelm beim Schreiben unter dem Trompetenbaum im Garten von Freunden, die eine Ausstellung ihrer Bilder und Skulpturen in ihrem Garten veranstaltet haben. Das Bild entstand in Schwerte, in Uschi und Burkhard Vielhauers Garten. Ich weiß leider nicht mehr in welchem Jahr … 2007? Wilhelm und ich haben ein Fotoalbum für die beiden angefertigt und er hat zu den jeweiligen Bildern und Skulpturen Gedichte geschrieben.

EireVerlag: Die Gedichte erzählen uns über eine Vielfalt von Themen, das Schöne im Leben, aber auch das Traurige. Gibt es ein Gedicht, oder vielleicht sogar mehrere, die Sie immer wieder lesen?

Birgit Hucker: Ja, da gibt es einige, die ich immer mal wieder lese. Zum Beispiel Zusammen wachsen oder Durch dich oder Schnecke, womit ich selbst gemeint bin … wie kann man den von einer Schnecke überfahren werden – frontal?
Das ist Wilhelm: Dicht bei mir und doch manchmal weit entfernt. Er hat sein eigenes Ding gemacht … bis zum Schluss.
Zusammen wachsen: ja …, zusammenwachsen: nein. Und doch: Stärke und leben durch dich …

EireVerlag: Den Gedichtband zu veröffentlichen war sicherlich eine emotionale und sehr persönliche Angelegenheit – und gleichzeitig Ihr erster Kontakt mit dem Verlagswesen und dem Buchhandel. Diese zwei Seiten miteinander zu verbinden, war bestimmt beizeiten nicht leicht: Wie sind Sie mit dieser Gratwanderung umgegangen?

Birgit Hucker: Ja, zunächst hat es einige ablehnende Schreiben von Verlagen gegeben, da Lyrik von unbekannten Dichtern ja nicht gerade beliebt ist bzw. nicht unbedingt auf der Leseliste an erster Stelle steht. Meine Trauerbegleiterin machte mich auf den Eire Verlag aufmerksam, also bewarb ich mich.
Mareike Menne hat mir den Kontakt sehr leicht gemacht. Wir haben uns nach meiner schriftlichen Bewerbung getroffen und sie hat mich „gehört“. Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Ich hatte ein gutes Gefühl und ich weiß, Wilhelm hätte es auch gehabt. Ich war mir sicher: Das wird eine besondere Zusammenarbeit und ich habe mich fortan gefreut über so viel Unterstützung und Betreuung! Danke nochmal an der Stelle an Mareike Menne!

In der Tat war es eine sehr emotionale Angelegenheit, die Gedichtsammlung nach Wilhelms Tod zu lesen. All die Erinnerungen, Gefühle und Sehnsüchte sind wieder hochgekommen. Viele Tränen habe ich vergossen, dennoch war es für mich ein sehr wichtiger Schritt zur Trauerbewältigung. Ich habe immer und immer wieder die Gedichte gelesen, um eine Auswahl zu treffen. Das hat mir geholfen meine Trauer mehr und mehr zu verstehen und weiterzugehen. Ich habe auch in den zwei Lesungen, die ich letztes Jahr und auch in diesem Jahr im November zugunsten der Hospizarbeit gemacht habe, eine sehr emotionale Stimmung beim Publikum wahrgenommen, besonders weil ich von einer Harfenistin begleitet wurde. Es überwiegt die Freude, die Gedichte vortragen zu dürfen. Ich freue mich über das Interesse des Publikums. Für mich ein weiterer Schritt auf meinem Trauerweg.

EireVerlag: Lesen Sie auch privat gerne Gedichte? Wann hat Ihr Interesse begonnen, und gibt es Dichter*innen, die Sie besonders schätzen?

Birgit Hucker: Mein Interesse an Gedichten begann schon in der Schulzeit mit dem Gedichtrezitator Lutz Görner, der wunderbare Gedichtabende schon über viele Jahre veranstaltet. Er hat mir Lyrik nochmal ganz anders nahegebracht. Die Klassiker wie Heinrich Heine, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Rainer Maria Rilke… Sie hören, ich gerate ins Schwärmen. Natürlich auch Hilde Domin und Rose Ausländer, Erich Fried und Robert Gernhard, um auch neuere Lyrik zu nennen, gefallen mir. Ich habe mich in meiner schwersten Zeit mit Lyrik und Texten umgeben, die mich begleitet und mir geholfen haben.
Ganz besonders mag ich Hermann Hesse, der ja Prosa und Lyrik verbindet, der ein ganz außergewöhnlicher Geschichtenerzähler ist und wunderbare Gedichte schreibt.

EireVerlag: Fühlen Sie sich dazu inspiriert, in der Zukunft eigene Texte zu schreiben? Kurzgeschichten, Romane, Gedichte… Oder arbeiten Sie vielleicht sogar schon an etwas?

Birgit Hucker: Ja, ich fühle mich inspiriert, habe jedoch noch nichts Konkretes … Ich habe ein Märchen geschrieben. Zurzeit schreibe ich Texte über bestimmte Themen für eine Fachzeitschrift. Jedoch keine Sachartikel, sondern zum Beispiel zum Thema Lebensmüdigkeiten (Überschrift), eigene Erfahrungsberichte … mal sehen, ob mehr daraus wird. Auf jeden Fall macht es mir Freude, und es ergeben sich Erkenntnisse daraus, wenn ich es aufschreibe.

Vielen Dank für Ihre Zeit.

Wilhelm Hucker: Schön war’s. 14,90€. Erscheinungsdatum: 03.04.2018. ISBN: 978-3-943380-85-9. Hier bestellen: http://eire-verlag.de/kontakt-2/.

Die Fragen stellte Anna Helene Lemke.

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